Interessen-Bögen

Katja Stolle: Näher dran... dank dem "Interessenbogen". TeilnehmerInnen-orientierte Themenauswahl und die Frage der Koedukation

Ziel in der Arbeit mit Jugendlichen ist es, die Themen mit Ihnen zu bearbeiten, die sie wirklich beschäftigen, interessieren und motivieren. Daher stellt sich in sexualpädagogischen, wie auch in anderen pädagogischen Veranstaltungen, bei der Vorbereitung die Frage: Wie treffe ich das „richtige“ Thema? Wie kann ich den Interessen der TeilnehmerInnen entsprechen? Mehr als bei anderen Themen steht in der Sexualpädagogik darüber hinaus die Entscheidung zur Debatte, ob die Veranstaltungen koedukativ oder in geschlechtsgetrennten Gruppen stattfinden sollten. Sexualität wird oftmals als etwas Vertrauliches, Privates, Intimes empfunden, und die Frage nach der Gestaltung der Lernumgebung ist besonders hier wichtig, wo es darum geht eine „offene“ Atmosphäre zu schaffen.

Sexualpädagogik ist wie jede andere Pädagogik auf die Lebenswelt ihrer Zielgruppe verwiesen. Die individuellen Erfahrungen der GruppenteilnehmerInnen können der Ausgangspunkt sexualpädagogischer Arbeit sein und zur Entscheidung über die Gestaltung von Veranstaltungen beitragen. Dies gelingt durch den sogenannten „Interessenbogen“, mit dem Themenwünsche und Interessen bereits im Vorfeld ermittelt werden. Ziel ist hierbei die Befriedigung von Bedürfnissen der Jugendlichen nach Information, Orientierung und Begleitung. Der Interessenbogen verdeutlicht mit achtzehn möglichen Themen die große Bandbreite des Bereichs Liebe, Freundschaft und Sexualität und ist PädagogInnen eine Orientierungshilfe im Thema.

Der folgende Artikel beschreibt zum einen den Interessenbogen, der von dem Team des Fachbereichs Sexualpädagogik der PRO FAMILIA Heidelberg entwickelt wurde und in der täglichen Arbeit mit Gruppen angewendet wird. Der Einsatz des Bogens und seine positiven Auswirkungen auf die Zusammenarbeit mit den Jugendlichen werden ebenso beschrieben, wie seine erleichternde Funktion für PädagogInnen in der Planungsphase von sexualpädagogischen Veranstaltungen. Der Bogen erlaubt eine geschlechtsspezifische und altersspezifische Veranstaltungsplanung, und damit die stärkere Orientierung an dem, was Jungen und Mädchen tatsächlich hören und wissen wollen. Darüber hinaus werden konkrete Ergebnisse einer exemplarischen Untersuchung zur Interessenlage von Jungen und Mädchen vorgestellt, die zu einer Hilfe in der themen- und situationsspezifischen Entscheidung zwischen Koedukation und Geschlechtertrennung bei Veranstaltungen werden können.

Der „Interessenbogen“: Das Konzept

Ziel der Arbeit mit dem Interssenbogen ist es, Themen mit den Jugendlichen zu behandeln, die sie zum Veranstaltungszeitpunkt tatsächlich beschäftigen und interessieren, anstatt von den Vorstellungen Erwachsener über die Interessen und Bedürfnisse der Jugendlichen auszugehen. Jede sexualpädagogische Gruppenarbeit wird daher inhaltlich, didaktisch und methodisch auf jede Gruppe hin abgestimmt. Dazu gehört u.a., die unterschiedlichen Interessen von Jungen und Mädchen schon vor der Veranstaltung zu ermitteln, um sie dann in einer geschlechtsspezifischen Planung berücksichtigen zu können. Solche Informationen über die Erwartungen, Bedürfnisse, Interessenschwerpunkte, Stimmungen oder auch Gruppenbildungen innerhalb der Gruppe erleichtern die Veranstaltungsvorbereitung.
Voraussetzung hierzu ist, dass die Jugendlichen bereits vor der Veranstaltung etwas über PRO FAMILIA und unser Themenangebot erfahren. All das soll zudem mit möglichst wenig Mehraufwand für die GruppenleiterInnen und TeilnehmerInnen verbunden sein.

Der Bogen, wie er heute zum Einsatz kommt, zeigt achtzehn Unterthemen zum großen Bereich Gefühle, Partnerschaft, Sexualität. Jedes Thema hat einen erklärenden Untertitel (z.B. Pornographie: Macht mich an, find ich eklig; Schwangerschaftsverhütung: Leichter gesagt als getan; Freundschaft/Partnerschaft: Schön und alles nicht so einfach).

Zunächst kreuzen die Jungen und Mädchen (einzeln und anonym) die Themen an, die sie interessieren. Auf der Rückseite ist Raum für weitere Themenvorschläge oder konkrete, detaillierte Fragen.
Außerdem soll hier explizit eins (oder mehrere) der vorher angekreuzten Themen als Wunschthema für die Veranstaltung mit PRO FAMILIA genannt werden.

Der Einsatz des„Interessenbogens“

1.Vorgespräch und Anleitung zum Einsatz
Mit allen pädagogischen Fachkräften (LehrerInnen, ErzieherInnen, PfarrerInnen, GruppenleiterInnen), die sich für eine Veranstaltung mit uns interessieren, führen wir ein persönliches Vorgespräch, in dem wir unsere Arbeit und die Herangehensweise an Gruppenveranstaltungen vorstellen. Dazu gehört auch die Vorstellung des Interssenbogens und seiner Einsatzweise. Äußern die LehrerInnen ein Thema, das ihnen selbst besonders wichtig ist, kann dies zu einem Teil-Thema der Veranstaltung werden.

Der Bogen wird frühestens zwei Wochen (besser ca. eine Woche) vor der Veranstaltung von den TeilnehmerInnen anonym ausgefüllt. Eine größere Zeitspanne ist ungünstig, da ansonsten zu viel Zeit verstreicht und das einmal gewünschte Thema vergessen wird oder an Bedeutung verliert. In dem Vorgespräch werden auch die Rahmenbedingungen, wie Dauer, Häufigkeit, konkrete Zeitpunkte und Kosten der Veranstaltung(en) geklärt.

2. Auswertung der Bögen

Spätestens eine Woche vor dem Veranstaltungstermin kommen die ausgefüllten Bögen zu uns zurück. Die Auswertung erfolgt nach den konkret angegebenen Wünschen und den auf der Vorderseite je nach Interesse angekreuzten Themen. Geschlechtsspezifische Themenwünsche werden erfasst, so dass unter Umständen geschlechtshomogene Gruppen gebildet und dort je unterschiedliche Themen behandelt werden können. Erfahrungsgemäß ergeben sich drei bis vier Schwerpunkte, von denen zwei in einer dreistündigen Veranstaltung behandelt werden können. Alle Fragen, die die Jugendlichen auf ihren Bögen stellen, werden in verschiedensten Übungen, Methoden und Spielen in der Veranstaltung aufgegriffen, auch wenn sie nicht zum gewählten Schwerpunkt gehören.

3. Einführung der Themen in der Veranstaltung

Eine große Kopie des Bogens hängt zu Beginn der Veranstaltung für alle sichtbar im Raum und zeigt aufgeschlüsselt das Befragungsergebnis der Mädchen, der Jungen und der Gesamtgruppe. Die Jugendlichen reagieren mit Wiedererkennen, Erwartung und Spannung. Überraschung, freudige Zustimmung oder auch Enttäuschung sind die unterschiedlichen Reaktionen auf das Ergebnis. Auch die, deren Wunschthema nicht als Schwerpunkt drankommt, arrangieren sich mit den „Mehrheits-Wünschen“ und finden meist eine Stelle, an der sie ihre Fragen anbringen und ihre Meinung äußern können.

Untersuchung zur Interessenlage von Jungen und Mädchen

1. Ansatzpunkt der Untersuchung
Anhand einer exemplarischen Untersuchung zu Unterschieden und Gemeinsamkeiten der Interessen von Jungen und Mädchen werde ich nun beispielhaft aufzeigen, wie die Berücksichtigung der Interessen der TeinehmerInnen Ansatzpunkte für die Entscheidung pro oder kontra Koedukation in der jeweiligen Situation liefert. Die Interessenlage der beiden Geschlechter soll als Information verstanden werden, die im Zusammenspiel mit anderen Informationen (z. B.: die empfundene größere Offenheit in geschlechtshomogenen Gruppen, oder aber die Chance, in geschlechtsgemischten Gruppen Meinungen des anderen Geschlechts zu hören) zu einer solchen Entscheidung beitragen kann. Entscheidungen über Geschlechtshomogenität oder aber –heterogenität in den Gruppen kann nicht immer allein an den Interessen der Jugendlichen ausgerichtet sein. Vielmehr kann es wichtig sein, zum Beispiel das Thema „Schwangerschaftsverhütung“ (zur Prävention von ungewollten Schwangerschaften) sowohl mit Mädchen als auch mit Jungen zu besprechen, auch wenn hierfür kein beiderseitiges Interesse geäußert worden sein sollte. Auch äußere Rahmenbedingungen, wie räumliche Gegebenheiten (Sind zwei Räume für eine Jungen- und eine Mädchengruppe vorhanden?) können zu einem Entscheidungskriterium werden. Dennoch stellt die Interessenverteilung in der Gruppe ein wichtiges Element in der Planung einer Veranstaltung dar, denn das Interesse und die Eigenmotivation der Jugendlichen fördern und unterstützen den Lernprozess.

2.Durchführung der Untersuchung

Aus der Arbeit bei PRO FAMILIA Sexualpädagogik in Heidelberg heraus habe ich die Interessenunterschiede von Jungen und Mädchen an verschiedenen sexaulpädagogischen Themen anhand einiger Interessenbögen untersucht.
Die Stichprobe bildeten vier Klassen aus Heidelberg und dem Rhein-Neckar-Kreis. Es handelt sich dabei um je zwei neunte und zehnte Klassen. Aus den verschiedenen Altersstufen, mit denen in der Sexualerziehung gearbeitet wird, habe ich mich auf diesen Entwicklungsabschnitt beschränkt. Dies geschah aufgrund des verfügbaren Datenmaterials und in der Annahme, dass die Interessen der Jugendlichen mit zunehmendem Alter und fortschreitender Sexualentwicklung eine veränderte Interessenverteilung aufweisen. Vor oder zu Beginn der Pubertät stehen andere Fragen im Vordergrund als gegen Ende und nach der Pubertät.
Die Stichprobe umfasste insgesamt 67 Personen, davon 45 weiblich und 22 männlich. Eine gleichmäßigere Verteilung von Mädchen und Jungen ließ sich aufgrund der organisatorischen Gegebenheiten nicht verwirklichen. Die befragten SchülerInnen waren großenteils 15 Jahre (27 SchülerInnen) und 16 Jahre (35 SchülerInnen) alt, eine Jugendliche war 14, drei 17 und eine 18 Jahre alt.
Die SchülerInnen kamen aus zwei Gymnasien, einer Real- und einer Lernbehindertenschule. Eine umfangreichere Studie sollte hier sicherlich mehrere Klassen aus allen Schulzweigen (auch HauptschülerInnen, die in dieser Untersuchung nicht vertreten sind) heranziehen.

Die Datenbetrachtung hat explorativen Charakter. Die offenen Fragen auf der Rückseite des Interessenbogens sind in meiner Untersuchung nicht mit einbezogen. Die Angaben, die die Jugendlichen hier machen, und die Fragen, die sie hier stellen, werden in der jeweiligen Veranstaltung aufgegriffen, geben aber keinen wesentlichen, neuen Anhaltspunkt über die Gesamtinteressenlage von Mädchen und Jungen, die mich hier interessiert.

3. Ergebnisse

Diejenigen Themen, bei denen sich die Interessen von Mädchen und Jungen bedeutsam unterscheiden, bei denen also die Unterschiede der beiden geschlechtshomogenen Interessenverteilungen signifikant auf dem 5%-Niveau waren, werde ich im folgenden anhand graphischer Darstellungen genauer betrachten.

Das Thema „Besuch beim Frauen- oder Männerarzt“ (siehe Abbildung 1) stößt bei den Mädchen auf ein wesentlich höheres Interesse als bei den Jungen (F(1, 65)=6,90, p<5%). Während insgesamt 40,9% der Jungen Interesse an diesem Thema zeigen, davon mit 13,6% der kleinste Teil hohes Interesse, interessieren sich 71,1% der Mädchen dafür. Mit 37,8% bildet die Gruppe derjenigen, die sich sehr für dieses Thema interessieren bei den Mädchen den größten Anteil. Bei den Jungen dagegen zeigt die mit Abstand größte Gruppe (59,1%) an diesem Thema kein Interesse.

Das geringere Interesse der Jungen in diesem Bereich ist vermutlich darauf zurückzuführen, dass - während viele Frauen regelmäßig zum Frauenarzt/zur Frauenärztin gehen - es einen „Männerarzt“ in dem Sinn, dass er ausschließlich für Männer zuständig wäre, nicht gibt. Mädchen scheinen dagegen stark mit dem Besuch beim Frauenarzt/bei der Frauenärztin konfrontiert zu sein. Auch wenn keine Beschwerden vorhanden sind, Krebsvorsorge aufgrund des jungen Alters noch nicht unbedingt empfohlen wird, das Verschreiben eines Verhütungsmittels noch nicht gewünscht und keine Schwangerschaft vorhanden ist, sind in den sexualerzieherischen Veranstaltungen mit neunten und zehnten Klassen viele Mädchen der Meinung, ein Besuch bei der Frauenärztin/beim Frauenarzt wäre „fällig“. Die scheinbar kursierenden Gerüchte über einen solchen Besuch und den „Stuhl“ (den gynäkologischen Stuhl) tragen dazu bei, viele Mädchen zu verunsichern oder gar zu beängstigen. Dies könnte eine Erklärung dafür sein, dass dieses Thema bei den Mädchen einen spürbar gravierenderen Stellenwert einnimmt als bei den Jungen. Dennoch zeigt ein Teil der Jungen meiner Erfahrung nach in den Veranstaltungen Neugier dafür, was der Frauenarzt/die Frauenärztin tut und wie Frauen die Untersuchung empfinden. „Der Frauenarzt“ scheint mir generell ein stärker präsentes Thema zu sein als „der Männerarzt“.
Das sehr geringe Interesse der Jungen bezüglich des Themas „Besuch beim Frauen- oder Männerarzt“ legt die Entscheidung nahe, dieses Thema vor allem mit Mädchen zu besprechen. Die Erwähnung und Erklärung der Zuständigkeit der verschiedenen Ärzte/innen für Männer im Bereich Sexualität ist sicherlich eine wertvolle Information für Jungen. Anhand der Ergebnisse der Befragung empfiehlt es sich allerdings, dieses Thema mit den Jungen nicht sehr ausführlich zu behandeln. In einer Mädchengruppe ist dagegen offensichtlich eine ausführlichere Besprechung der Abläufe bei einem Frauenarzt-/ Frauenärztin Besuch erwünscht und erforderlich. Informationen können hier Klarheit schaffen und Vorbereitung auf einen ersten Untersuchungstermin kann Ängste reduzieren. Dazu scheint gerade die reine Mädchengruppe als Rahmen sinnvoll, da eine möglichst offene und konkurrenzlose Atmosphäre dazu beitragen kann, eigene Erfahrungen, eigene Befürchtungen, intime Fragen zu äußern. Eventuelle Fragen interessierter Jungen könnten dann auch mit Unterstützung eines/einer Pädagogen/in unter Jungen beantwortet werden.

Beim Thema „Schwangerschaftskonflikt – Schwangerschaftsabbruch - § 218“ (siehe Abbildung 2) zeigen wiederum die Mädchen bedeutend höheres Interesse als die Jungen (F(1, 65)=17,70, p<1%). Der größte Anteil der Mädchen der neunten und zehnten Klassen äußert hohes Interesse (51,1%), der zweitgrößte Anteil auch (40,0%) und der mit Abstand geringste Teil kein Interesse (8,9%). Bei den Jungen verläuft die Abstufung umgekehrt: Der geringste Anteil der Jungen ist sehr interessiert (13,6%), ein weitaus höherer Anteil ist auch (40,9%) und der größte Teil nicht interessiert (45,5%).
Das größere Interesse der Mädchen an diesem Thema ist sicherlich darauf zurückzuführen, dass sie davon stärker betroffen sind als die Jungen. Die Frau ist es, die die Schwangerschaft austrägt oder abbrechen lässt. Daher liegt es nahe, dass für sie der Schwangerschaftskonflikt existentieller ist als für den Mann. So scheinen sich auch Mädchen mehr mit diesem Thema zu beschäftigen. Die größere Betroffenheit von Mädchen zeigt sich in manchen Veranstaltungen darin, dass Mädchen beim Thema Schwangerschaftskonflikt eher dazu neigen, sich zurückhaltender und ambivalent zu äußern, während die Jungen meist bestimmter eine Meinung (für oder gegen einen Abbruch) vertreten.
Eine Geschlechtertrennung kann der verschiedenen Interessenlage der Jungen und Mädchen gerecht werden. Dennoch bleibt zu überlegen, ob es nicht wichtig ist, dass sich auch Jungen mit dem Thema „Schwangerschaftskonflikt“ auseinander setzten. Auch der Mann trägt die Verantwortung für eine Schwangerschaft, und so ist es sicherlich sinnvoll, dass auch Jungen sich deshalb mit diesem Thema und ihrer eventuellen Rolle und ihrer Verantwortung in einer solchen Situation auseinandersetzen. Ein stärker empfundenes Verantwortungs- und Betroffenheitsgefühl auch von Jungen könnte ein verantwortungsvolles Verhalten in Bezug auf die Schwangerschaftsverhütung vielleicht begünstigen. Bei diesem Thema scheint es mir auch überlegenswert, in gemischtgeschlechtlichen Gruppen zu arbeiten, damit Jungen und Mädchen die Position des jeweils anderen Geschlecht wahrnehmen. Sollte die Situation eines Schwangerschaftskonflikt eventuell einmal eintreten, so wird die Auseinandersetzung mit dem/der Partner/in des anderen Geschlechtes auch notwendig sein.

Allerdings erfordert eine Entscheidung in einer Veranstaltung für dieses Thema gegen das Interesse der Jungen ein Bewusstsein eben dafür, denn dann würde Motivationsarbeit und Flexibilität seitens der PädagogInnen bei bestehendem und bestehen bleibendem Desinteresse der Jungen in erhöhtem Maße notwendig.

Das Thema „Pornographie“ (siehe Abbildung 3) ist für die Jungen von deutlich höherem Interesse als für die Mädchen(F(1, 65)=10,87, p<1%). Es stößt bei der größten Gruppe der Jungen der Jahrgangsstufen neun und zehn auf großes Interesse. 45,5% der Jungen, das heißt fast jeder zweite Junge, kreuzen an, dass sie das Thema sehr interessiert. Den zweit größten Anteil der Jungen bilden mit 36,4% diejenigen, die sich nicht für das Thema Pornographie interessieren. Zwischen diesen zwei „Lagern“ liegt dann die kleinste Gruppe (18,2%), die sich auch für Pornographie interessiert. Während also insgesamt 63,7% der Jungen Interesse zeigen, tun dies insgesamt nur 35,6% der Mädchen. Hohes Interesse findet man sogar nur bei 8,9% der Mädchen. Die weitaus größte Gruppe der Mädchen ist am Thema Pornographie nicht interessiert.
Aufgrund des geringen Interesses der Mädchen ist es meines Erachtens sinnvoll, das Thema „Pornographie“, wenn es gewünscht wird, in reinen Jungengruppen anzusprechen. Wenn Mädchen sich nicht mit Pornographie beschäftigen möchten, so sollte das, denke ich, respektiert werden. Tauchen dennoch Fragen der Mädchen zu diesem Thema auf, so können sie selbstverständlich besprochen werden. Genauso ist es aber auch wichtig, das Interesse der Jungen aufzugreifen und sich mit ihnen über Vorstellungen und Gefühle bezüglich Pornographie, sowie Erfahrungen mit und Bewertungen von Pornographie auszutauschen. Unter Jungen kann ein Dialog dabei sicherlich offener stattfinden, denn ein eventueller Rechtfertigungsdruck gegenüber den Mädchen bleibt so zunächst außen vor. Es ist allerdings zu beachten, dass in der Befragung sich nicht alle Jungen dieses Thema wünschen. PädagogInnen sollten dies berücksichtigen und das Interesse an Pornographie bei Jungen nicht als selbstverständlich verstehen. Auch ist es ihre Aufgabe, moralisch-gesellschaftliche Aspekte, wie Frauen-)Diskriminierung, bzw. gesetzwidrige Seiten der Pornographie zu thematisieren.

Das Thema Selbstbefriedigung (siehe Abbildung 4) trifft insgesamt auf kein besonders großes Interesse. Dennoch ist das Interesse der Mädchen noch bedeutend geringer als das der Jungen (F(1, 65)=7,45, p<1%). Sowohl bei den befragten Jungen als auch bei den Mädchen der neunten und zehnten Klassen zeigt die größte Gruppe kein Interesse. Der Anteil dieser Gruppe an der Gesamtgruppe der Mädchen ist jedoch noch weitaus größer (66,7%) als der nicht interessierten Jungen an der gesamten Jungenstichprobe (45,5%). 31,1% der Mädchen und 27,3% der Jungen sind am Thema Selbstbefriedigung auch interessiert. Großes Interesse zeigt sich bei den Mädchen kaum (2,2%). Dagegen äußern sich 27,3% der Jungen sehr interessiert und bilden somit ein ebenso große Gruppe wie die auch interessierten Jungen.
Für viele Jugendliche ist Selbstbefriedigung immer noch ein großes Tabu. Dabei gibt es Unterschiede zwischen Jungen und Mädchen. Statistisch gesehen ist es so, dass fast alle Jungen sich häufig beziehungsweise regelmäßig selbst befriedigen und dass viele Mädchen gelegentlich masturbierten. Ein Mädchen, das sich nie oder aber selten befriedigt, ist nach den statistischen Ergebnissen absolut keine Ausnahme. Ein Junge, der sich nie oder selten selbst befriedigt, ist dagegen nach den statistischen Ergebnissen eine große Ausnahme. Geschlechtsspezifische Unterschiede im Masturbationsverhalten wurden zwar mit der Zeit geringer, existieren aber dennoch. Die Unterschiede zwischen Jungen und Mädchen werden immer wieder als Auswirkungen geschlechtsspezifischer Erziehung erklärt. Selbstbefriedigung sei aufgrund unterschiedlicher Erziehung bei den Jungen häufig kein Tabu mehr, wenn auch noch Ängste existieren, dass zuviel Selbstbefriedigung schaden könne. Für viele Jungen ist Selbstbefriedigung auch nur als Ersatzbefriedigung berechtigt.
Während die Jungen also Selbstbefriedigung oftmals praktizieren, wenn auch unter einigen Einschränkungen, scheint Selbstbefriedigung bei Mädchen weniger selbstverständlich zu sein. Ihr geringeres Interesse an diesem Thema könnte also auf die größere Tabuisierung unter Mädchen zurückzuführen sein. Dass auch unter Jungen dieses Thema auf kein sehr reges Interesse stößt, könnte damit zu begründen sein, dass zwar Masturbation praktiziert, aber darüber nicht offen gesprochen wird. Darauf deutet der häufige Gebrauch von Schimpfwörtern wie „Wichser“ hin. Um einer Tabuisierung der Selbstbefriedigung entgegenzuwirken, sollte dieses Thema im Verlauf von Veranstaltungen meiner Meinung nach offen angesprochen werden. Ein solcher Entschluss setzt sich über die geäußerten Interessen der Jugendlichen hinweg, resultiert vielmehr aus einer pädagogischen Zielsetzung und Überzeugung. Klar sollte PädagogInnen dabei sein, auf welcher Grundlage eine solche Entscheidung beruht.

Auch beim Thema Selbstbefriedigung kann ein geschlechtshomogener Rahmen sicherlich die Gesprächsoffenheit der Jugendlichen begünstigen. Ihr tendenziell geringes Interesse berücksichtigend denke ich allerdings, dass es sinnvoll ist, dieses Thema nicht ausführlich zu bearbeiten, sofern dies nicht von der jeweiligen Jugendgruppe gewünscht wird.- Das geringe Interesse könnte allerdings auch darauf hindeuten, dass das Tabu bezüglich Selbstbefriedigung überhaupt nicht mehr so groß ist, wie oftmals angenommen, sondern dass Selbstbefriedigung im Gegenteil (gerade unter Jungen) „selbstverständlich“ und daher als Thema nicht mehr besonders spannend und interessant ist.

Das Thema „Homosexualität“ (siehe Abbildung 5) stößt bei den Jugendlichen aus den Jahrgängen neun und zehn auf wenig Interesse, das Desinteresse der Jungen ist allerdings noch bedeutend ausgeprägter als das der Mädchen (F(1, 65)=4,34, p<5%). Der größte Anteil, das heißt fast die Hälfte der Mädchen (48,9%), interessiert sich nicht für dieses Thema. Ein Drittel der Mädchen zeigt auch Interesse, die mit 17,8% kleinste Gruppe der Mädchen äußert hohes Interesse. Damit zeigt aber immerhin über die Hälfte der Mädchen (51,1%) überhaupt Interesse am Thema Homosexualität. Das Interesse der Jungen an diesem Thema ist bedeutend geringer: Gut zwei Drittel der Jungen äußern kein Interesse (68,2%), der Rest der Jungen ist auch interessiert. Ein Junge, den dieses Thema sehr interessiert, findet sich in der Befragung nicht.
Ist nun das geringe Interesse der Jugendlichen, vor allem der Jungen, darauf zurückzuführen, dass sie sich ihrer sexuellen Orientierung, und zwar einer heterosexuellen Orientierung, völlig sicher sind? Schließlich bilden homosexuelle Menschen in unserer Gesellschaft einen relativ geringen Anteil an der Gesamtbevölkerung, stellen eher die Ausnahme dar. Aber warum zeigen Jugendliche bezüglich so vieler Fragen im Bereich Sexualität Unsicherheit und suchen Orientierung, nur bezüglich ihrer Orientierung auf gegengeschlechtliche Liebe sind sie sich so sicher?
Das geringe Interesse an diesem Thema und gerade auch die eigene Abgrenzung von der Homosexualität (z. B. durch Schimpfworte wie „Du schwule Sau!“) werden oftmals als Angst vor Homosexualität (Homophobie) erklärt.
Nun ist ein Interesse der Mädchen bezüglich Homosexualität durchaus erkennbar. Hier scheint das Tabu und die Angst vor Homosexualität geringer zu sein. Meiner Erfahrung nach erstarrt das Interesse der Mädchen jedoch in einer distanzierten Stellung: Sie interessieren sich für die Homosexualität „der anderen“, ein tolerierendes Interesse, mit dem das eigene liberale Image, die eigene Fortschrittlichkeit demonstriert wird.
Beruht das geringe Interesse der Jugendlichen auf der Angst vor einer eventuellen eigenen Homosexualität, so ist es Ziel sexualerzieherischer Veranstaltungen, eine solche Angst zu mindern und gleichzeitig Toleranz gegenüber Homosexuellen zu fördern. Das Thematisieren von Gefühlen der Jugendlichen in Bezug auf Homosexualität kann dazu sicherlich beitragen. Ist dieses Thema tatsächlich angstbesetzt, so scheint mir wiederum ein getrenntgeschlechtlicher Rahmen, der eine offene Atmosphäre begünstigt, hilfreich zu sein. Auch bei diesem Thema ist es meines Erachtens darüber hinaus wichtig, die Interessenlage der Jugendlichen insofern zu respektieren, als die Besprechung dieses Themas wiederum in einem nicht allzu ausgedehnten zeitlichen Rahmen stattfinden sollte, sofern die jeweiligen Jugendlichen nicht ein größeres Interesse für dieses Thema in der Veranstaltung entwickeln und zeigen sollten. Die besonders eingehende Bearbeitung des Themas Homosexualität gegen die geäußerten Interessen der Jugendlichen birgt meiner Erachtens die Gefahr, die Jugendlichen zu überfordern, „zu überfahren“ und damit ihre Ängste und ihr Abgrenzungsbedürfnis eventuell sogar zu verstärken.

Beim Thema „Grenzen. Sexuelle Belästigung, sexuelle Gewalt, Vergewaltigung“ (siehe Abbildung 6) ist die Interessenverteilung der Jungen und Mädchen aus den neunten und zehnten Klassen sehr unterschiedlich (F(1, 65)=5,49, p<5%). Fast die Hälfte der Mädchen ist an diesem Thema sehr interessiert (48,9%), der mit 28,9% zweitgrößte Anteil der Mädchen ist auch interessiert. Damit zeigen insgesamt 77,8% der Mädchen Interesse am Thema Grenzen. Bei den Jungen ist die Abstufung genau umgekehrt. Der kleinste Anteil der Jungengruppe ist sehr interessiert (22,7%), der zweitgrößte Anteil der Jungen ist auch interessiert (31,8%), die größte Gruppe unter den Jungen ist nicht interessiert (45,5%).
Das größere Interesse der Mädchen am Thema „Grenzen. Sexuelle Belästigung, sexuelle Gewalt, Vergewaltigung“ ist, so vermute ich, darauf zurückzuführen, dass Mädchen und Frauen besonders häufig Opfer ungewollter Grenzüberschreitungen im Bereich Sexualität sind. Dies kann der Grund für eine größere Betroffenheit und daraus folgend für ein größeres Interesse seitens der Mädchen sein.
Eine Trennung von Jungen und Mädchen kann der unterschiedlichen Interessenverteilung zwischen den Geschlechtern gerecht werden. So kann mit den Mädchen dieses ebenfalls sehr intime Thema ausführlicher, eingehender und idealer weise im geschlechtshomogenen Zusammenhang offener behandelt werden. Allerdings scheint es mir auch wichtig, dass sich aus erzieherischen, präventiven Gründen Jungen ebenfalls mit dem Thema „Grenzen.

Sexuelle Belästigung, sexuelle Gewalt, Vergewaltigung“ beschäftigen. Dies einerseits, weil auch viele Jungen Opfer von sexuellen Übergriffen werden, und andererseits, weil es überwiegend Männer sind, von denen diese Übergriffe ausgehen. So ist es für die Gesellschaft und für die Jungen wichtig, dass sie sich mit diesem Thema auseinandersetzen.
Beim Thema „Grenzen. Sexuelle Belästigung, sexuelle Gewalt, Vergewaltigung“ scheint es mir hilfreich, den Jugendlichen in getrenntgeschlechtlichen Gruppen zunächst einen Freiraum für den Austausch untereinander („unter Gleichen“) zu ermöglichen. Anschließend können dann in gemischtgeschlechtlichen Gruppen die (geschlechtsspezifischen) Sichtweisen besprochen werden. Dabei könnten Mädchen und Jungen die Ansicht des jeweils anderen Geschlechts wahrnehmen. Das koedukative Zusammenführen ermöglicht, verschiedene Perspektiven klar herauszustellen.
Sich in einer Veranstaltung für dieses Thema zu entscheiden, auch wenn das Interesse von Seiten der Jungen nicht sehr hoch ist, macht es wiederum erforderlich, diese Interessenlage nicht aus dem Auge zu verlieren. Geringe Eigenmotivation macht erhöhtes Engagement der PädagogInnen zur Motivation der Jugendlichen notwendig. Wichtig ist dann auch die Bereitschaft, flexibel auf unter Umständen beharrliches Desinteresse der Jungen zu reagieren und eventuell den geplanten Zeitrahmen für dieses Thema in der Veranstaltung abzukürzen.

Die Interessenlage der Mädchen und Jungen, die ich am Beispiel der neunten und zehnten Klassen untersucht habe, kann nur eines unter vielen Kriterien dafür sein, ob eine Veranstaltung in geschlechtshomogenen oder aber geschlechtsheterogenen Gruppen durchgeführt werden soll. Andere Kriterien sind beispielsweise präventive Zielsetzungen, pädagogische Überzeugungen, gesellschaftliche Aufträge, sowie strukturelle Rahmenbedingungen. Dennoch kann, wie beispielhaft gezeigt wurde, die Interessenverteilung ein hilfreicher Anhaltspunkt und Grundlage für eine Entscheidung über die Koedukationsfrage in konkreten Situationen sein.

Fazit
In der Frage nach Geschlechtertrennung und Koedukation in der Sexualerziehung empfiehlt sich keine radikale Entscheidung entweder für das eine oder das andere, unabhängig von Situationen, TeilnehmerInnen und Inhalten der Veranstaltung. In einer reflektierten Kombination von geschlechtsgetrennten und geschlechtsgemischten Themeneinheiten – der sogenannten reformierten Koedukation - können die Vorteile von sowohl dem koedukativen als auch dem geschlechtshomogenen Rahmen genutzt werden. Ein geschlechtsgetrennter Abschnitt kann ein besonderer Schonraum für die Jugendlichen sein. Dies ist besonders dann wichtig, wenn es um intime Themen geht, um Themen, die das Selbstwert- oder das Unversehrtheitsgefühl der Jugendlichen betreffen. Im Zusammenhang der Sexualerziehung ist dies häufig der Fall. Unter Angehörigen des gleichen Geschlechts kann eine weniger konkurrente, offene Atmosphäre entstehen. In den gemischtgeschlechtlichen Abschnitten können die Jugendlichen dann dazu angeregt werden, sich direkt mit den Angehörigen des anderen Geschlechts auszutauschen. Mädchen können die Meinungen von Jungen, Jungen die Meinungen von Mädchen kennenlernen. Gerade in der Sexualerziehung ist dies wichtig, da ein offenes Ansprechen und Besprechen von Sexualität zwischen den Geschlechtern nicht alltäglich ist. Unter Jugendlichen ist Sexualität zwar oft Thema (in Witzen, in „coolen Sprüchen“, beim Lesen von Zeitschriften wie der Bravo usw.) ein offenes, ernsthaftes Gespräch über Sexualität zwischen den Mädchen und Jungen steht aber eher nicht auf der Tagesordnung. Im koedukativen Rahmen kann ein solcher Austausch stattfinden, PädagogInnen können Mädchen und Jungen dabei helfen, sich untereinander zu verständigen und Verständnis füreinander zu entwickeln.
Bei der jeweiligen Wahl zwischen koedukativem oder geschlechtshomogenen Rahmen ist die Bedeutung der Situationsspezifität besonders zentral. Reformierte Koedukation soll keine rein organisatorisch-strukturelle, das heißt starr angewendete Abwechslung von Geschlechtertrennung und Koedukation sein. Vielmehr soll diese Abwechslung an den Bedürfnissen der Gruppe, der Gruppendynamik und den Inhalten der Veranstaltung ausgerichtet sein. Reformierte Koedukation kann dabei der Interessenlage von Mädchen und Jungen gerecht werden. Unterscheiden sich ihre Interessen, kann ein geschlechtshomogener, decken sich ihre Interessen, ein koedukativer Rahmen sinnvoll sein. Dabei kann auch ein von PädagogInnen empfundener Vermittlungs- und Informationsbedarf zu einer Entscheidung über Koedukation oder Geschlechtertrennung beitragen (z.B. beim Thema Grenzen).
Die Befragung einiger Jugendlicher anhand der Interessenbögen hat ergeben, dass das Ausmaß an Interesse von Jungen und Mädchen sich bei einem Teil der Themen deutlich voneinander unterscheidet, sich bei anderen Themen wiederum deckt. Unterscheidungen stellte ich bei den Themen „Besuch beim Frauen- oder ‚Männerarzt‘“, „Schwangerschaftskonflikt – Schwangerschaftsabbruch - §218“, „Pornografie“, „Selbstbefriedigung“, „Homosexualität“ und „Grenzen (sexuelle Belästigung, sexuelle Gewalt)“ fest. Breites, sich in der Verteilung nahezu deckendes Interesse der befragten Jungen und Mädchen der neunten und zehnten Klassen zeigte sich vor allem bei den Themen „Einstellungen zu Sexualität“ und „Das erste Mal“.
Die Orientierung an der Situationspezifität bedeutet aber, dass an die pädagogischen PraktikerInnen sehr hohe Anforderungen gestellt werden: Reflexivität, Sensibilität, Spontaneität, Flexibilität, Kreativität...
Der Interessenbogen hilft, die Situationsspezifität im Vorhinein zu erfassen, und kann pädagogischen PraktikerInnen somit eine Hilfe sein, denn sie können sich nun konkret auf die bevorstehende Situation einstellen und vorbereiten. Interessenbögen sind ein Handwerkszeug zur Handhabung der Situationsspezifität. Die Planung der Veranstaltung kann auf die Interessenlage der Jugendlichen eingestellt werden. So wird die Wahrscheinlichkeit, die eigene Planung aufgrund von Desinteresse der Jugendlichen spontan ändern zu müssen, geringer.

Die Erfahrungen aus der Arbeit mit dem Interessenbogen sind durchweg positiv:

1. Erfahrungen mit den LehrerInnen /pädagogischen Fachkräften

Um die Arbeit mit Interessenbögen möglich zu machen, ist von den LeiterInnen der Gruppen, die Sexualerziehung anfragen, Kooperationsbereitschaft erforderlich. Viele LehrerInnen wissen oft wenig über das breite und differenzierte Themenangebot der PRO FAMILIA Sexualpädagogik. Sie reagieren mit spontaner Bereitschaft, den Interessenbogen zur Themenfindung für ihre Klasse einzusetzen. Die Idee, die Themen der Veranstaltung mehr an den Jugendlichen zu orientieren und dennoch das von den Erwachsenen gewünschte Thema berücksichtigen zu können, gefällt. Der Interessenbogen gibt oft Anlass zu persönlichen Stellungnahmen und Fachgesprächen. PädagogInnen äußern Vermutungen über das, was die Jugendlichen wünschen werden oder sie sprechen über ihre Ängste, bestimmte Themen selbst anzusprechen, aber auch über ihre Lust, bestimmte Themen selbst anzugehen. Es ergeben sich häufig inhaltliche und zeitlich aufeinander abgestimmte Verzahnungen und Zusammenarbeit zwischen Schulunterricht und den externen Fachleuten von PRO FAMILIA.

2. Reaktionen der Jugendlichen

Ein besonderer Aspekt der Einbindung von Interessenbögen in die Veranstaltungsplanung ist, dass die Arbeit der SexualpädagogInnen stark an den Interessen der Jugendlichen ausgerichtet ist. Sie werden schon durch die Interessenbögen in die Planung mit einbezogen, dürfen mitbestimmen. In der Veranstaltung reagieren die TeilnehmerInnen mit Wiedererkennung und Spannung auf den Bogen. Jungen sehen für welche Themen sich Mädchen interessieren und umgekehrt. Jede(r) kann sehen, welche Wünsche die anderen hatten. Die Jugendlichen merken, daß sie mit ihren Fragen und Erwartungen ernst genommen werden, die Veranstaltung mit ihrer Wahl in ihren Inhalten mitbestimmen und im Verlauf aktiv mitgestalten können. Dieses Gefühl trägt schnell zu einer offenen, vertrauten Atmosphäre und somit zum Gelingen der Veranstaltung bei.

3.Erfahrungen für die Gruppenplanung

Der Bogen wird erfahrungsgemäß auf der Vorderseite ganz, auf der Rückseite eher unvollständig und nicht von allen ausgefüllt. Gerade spezielle Fragen der Jugendlichen ermöglichen jedoch eine gezielte Planung. Hier zeigt sich, wie genau die LehrerInnen/LeiterInnen der Gruppe den Bogen den Jugendlichen vorgestellt und erklärt haben. Aus diesem Grund wird in den Vorgesprächen gesondert auf die Bedeutung einer detaillierten Erläuterung der Vor- und Rückseite des Interessenbogens für eine gelungene Veranstaltung hingewiesen. Für die Vorbereitung liefert der Bogen wichtige Hinweise über die Verteilung der Interessen in der Klasse/Gruppe und die (unterschiedliche) Verteilung der Interessen bei Jungen und Mädchen. Die Bearbeitung aller Themenwünsche ist meist aus Zeitgründen nicht möglich. Deshalb mussten in der Arbeit mit dem Interessenbogen neue Methoden, Spiele und Übungen gefunden und entwickelt werden, in die möglichst viele der gestellten Fragen Eingang finden. Nicht zuletzt führt die große Themenpalette zu einer immer fortschreitenden Verbreiterung und Differenzierung des Methodenrepertoires.

Die Planung der Veranstaltungen wird durch die Ermittlung und Berücksichtigung von individuellen Themenwünschen zeitaufwendiger. Die Zusammenarbeit mit den interessierten PädagogInnen und den Institutionen, die sie vertreten, ist dafür intensiver denn je. In den Vorgesprächen kommt es zu einem persönlichen und fachlichen Austausch. Der Einsatz des Bogens ermöglicht eine gezielte auf die jeweilige Gruppe hin abgestimmte Veranstaltungsplanung. Er führt zu einer größeren inhaltlichen Variation, mehr Spannung und damit zu mehr Spaß in der Vorbereitungs- und Durchführungsphase. Die Verwirklichung der Arbeit mit Interessenbögen ermöglicht, die Arbeit von SexualpädagogInnen abwechslungsreich zu gestalten. Es werden nicht immer die gleichen Themen behandelt, die Inhalte und der Ablauf werden variiert. Dadurch wird ihre Arbeitszufriedenheit sicherlich begünstigt, was sich wiederum auf die Qualität der Arbeit positiv auswirken kann.

Um die Teilnehmerorientierung noch weiter zu verstärken, wäre es möglich, die Mädchen und Jungen auch nach ihren Wünschen bezüglich Koedukation oder Geschlechtertrennung bei den einzelnen Themen zu fragen. Bei der Orientierung an den Interessen der Jugendlichen wird jedoch ein Problem vermutlich bestehen bleiben: Die sexualerzieherische Arbeit wird vor allem an den Interessen der heterosexuellen Jugendlichen ausgerichtet sein, weil sie die Majorität bilden. Außerdem scheint das Desinteresse am Thema Homosexualität und die Abgrenzung vieler Jugendlicher von Homosexualität durch ihre Angst vor Homosexualität verstärkt zu werden (Homophobie). Dies ist ein generelles Problem der Sexualerziehung, das durch die Orientierung an der Interessen von Jungen und Mädchen nicht gelöst werden kann.

In der Arbeit mit dem Interessenbogen geht es darum, die Interessen, Fragen und Bedürfnisse von Jugendlichen ernst zu nehmen und zu versuchen, ihnen im Rahmen der Möglichkeiten der sexualpädagogischen Gruppenarbeit gerecht zu werden. Hierfür ist der Interessenbogen ein einfaches doch sehr wirksames Instrument.

Katja Stolle

in Zusammenarbeit mit
Andreas Krick und Ulrike Mayer-Ullmann
Fachbreich Sexualpädagogik, PRO FAMILIA Heidelberg