Trennungs-Mediation und Emotion


Familiendynamik 2004, 29, S.54 - 66

Arndt Linsenhoff

Übersicht: Strittige Trennungen sind hochemotionale Prozesse. Bezugnehmend auf die Theorie der Affektlogik Luc Ciompis werden Vorstellungen zu den Emotionen und Kognitionen von Paaren entwickelt, die sich in Mediation begeben. Wie Mediatoren sich an deren Gestimmtheit ankoppeln und einen angemessenen prozesssteuernden Umgang anbieten können, wird dargestellt. Auf diesem Hintergrund werden Ergänzungen zu den bisherigen Ausbildungs- und Supervisionsinhalten vorgeschlagen.

1993 begannen wir mit Familien-Mediationen in meinem Beratungsstellen-Raum, in dem ich schon seit vielen Jahren Einzel- und Paartherapien durchgeführt hatte. In der Regel geschah dies in einem Umfang von zwei Mediations-Sitzungen pro Woche. Nach einem Jahr „hing“ in dem Raum ein nicht mehr zu „überriechender“ Gestank. Wir hatten zunächst nach anderen Erklärungen gesucht, aber es war unabweisbar: dieser Geruch war durch die starken Ausdünstungen der Beteiligten in den Mediationen entstanden – Ausdünstungen, die durch das bisher übliche Lüften nicht entfernt werden konnten.

Das war eine sehr deutliche „Information“ darüber, wieviel stärker KlientInnen (und deren professionelle Helfer) in Mediationen emotional aktiviert sind als in Einzel- und Paartherapien. Wenn man sich nun Lehrbücher (Haynes et al. 1993, Haynes & Haynes 1989), Sammelbände (Duss-von Werdt et al. 1995) oder praktische Einführungen (Proksch) zur Mediation anschaut, so fällt auf, dass der Umgang mit dieser emotionalen Aktiviertheit ein eher randständiges Thema ist; im Zentrum der Darstellung steht, wie mit den inhaltlichen Differenzen der Partner umgegangen werden kann. Während zu diesen Konfliktinhalten ein breites Handlungsspektrum entwickelt worden ist, finden sich zum Umgang mit der Emotionalität eher Neben-Bemerkungen (wie z.B.: das Paar bei intensiven Kämpfen durch Monologe des Mediators zu beruhigen, s. Haynes & Haynes 1989: 24) oder eher kognitive Antworten auf emotionale Dilemmata (wie z.B. bei intensivem Sorgerechts-Streit die Trennung von elterlicher und ehelicher Rolle, s. Haynes et al. 1993: 126 ff). Am deutlichsten kommt die emotionale Seite der Mediation bei Qualifikationsfragen von Mediatoren in den Blick; so z.B. bei Bastine et al. (1999: 101), wenn es dort klar heisst, dass diese Arbeit „emotional stark belastend ist“ und daher eine qualifizierte Ausbildung erfordere. Erste Überlegungen zum Zusammenhang von Gefühlen bei Trennung und Mediation finden sich bei Bastine (1998).

So wichtig für die Mediation auch klare Konzepte zum Umgang mit den vorgetragenen Inhalten und zu Verhandlungsstrategien sind, so erscheinen mir doch von gleicher Wichtigkeit klare Vorstellungen zum Umgang mit der Emotionalität in Mediation. Daher soll dieser Artikel die Wucht der Gefühle und den Umgang damit direkt thematisieren.

Natürlich sind nicht alle Paare, die in Mediation kommen, in emotional heftigem Streit; und wenn sie strittig sind, hat dies unterschiedliche Grade der „Verhärtung“. Aber gerade in strittigen Paaren liegt die Herausforderung der Mediation und auch hier muss sie zeigen, dass sie bei einer relevanten Zahl der Fälle wirksam sein kann.

1. Trennung und Affekte

1.1. Als hilfreiche, weil hoch-integrative Theorie möchte ich für diesen Zweck die „Affektlogik“ von Luc Ciompi (ausführlich 1999; zusammenfassend 1998) einführen. Unter Berücksichtigung von Forschungs-Ergebnissen aus so unterschiedlichen Disziplinen wie Hirnforschung, Systemtheorie, Emotionspsychologie u.a. kommt Ciompi zu dem Schluss, dass die Wirkkraft von Affekten auf Denken und Handeln in den Humanwissenschaften bisher gröblich unterschätzt worden ist. Insbesondere entfalten Affekte „Attraktor-Wirkungen“ auf Kognitionen: sie organisieren und hierarchisieren diese mit dem Ergebnis, dass nur zum Affekt „passende“ Kognitionen überhaupt gedacht und ebenso nur „passende“ Informationen aufgenommen werden. Die Theorie der Affektlogik erklärt daher, warum in einer gegebenen Gestimmtheit wie z.B. Depression nur dazu passende Gedanken gedacht werden (und andere Gedanken/Informationen als denkbar, aber irrelevant empfunden werden). Weiterhin weist sie darauf hin, dass Kommunikation immer affektive Kommunikation ist, daher bei jedem Kontakt eine affektive Abstimmung zwischen den Beteiligten stattfindet und dass diese Affektivität der gegenüber den Worten mächtigere Teil der Kommunikation ist.

1.2.Wie lässt sich diese Theorie für die Mediation konkretisieren?

Häufig (aber eben nicht immer) sind die Paare, die zur Mediation kommen, nach jahrelangem Streit zum Schluss gekommen, dass nur noch eine Trennung ihnen wieder Lebensperspektiven eröffnet. Der Zustand ist so unerträglich geworden, dass die Trennung innerlich notwendig wird. Beide sind dann i.d.R. im Zustand einer „Wutlogik“: die Wut lässt beide am Anderen jeweils das Störende, „Gemeine“, Unfaire, Verletzende wahrnehmen. Dieser Wahrnehmung widersprechende Informationen (das unsichere Lächeln des Anderen zur Begrüßung, das vom Anderen mit Absicht liebevoll gemachte Essen o.ä.) werden bei dieser Gestimmtheit nicht mehr wahrgenommen, werden wahrgenommen aber als bedeutungslos gewertet oder wahrgenommen und als mit boshaften Absichten konnotiert interpretiert. Der Wutlogik widersprechende Informationen dringen also nicht mehr durch. Zugleich organisiert der Affekt das Erinnern von all den Ereignissen und Ereignis-Ketten, in denen der Andere sich „gemein“, verletzend und unfair gezeigt hat. Je heftiger der Affekt sich auflädt, um so beschleunigter werden Erinnerungen dieser Tönung abgerufen und mitgeteilt. Die vielen Erinnerungen an das liebevolle Verhalten des Anderen in früheren Zeiten werden bedeutungslos oder bekommen ebenfalls eine Einfärbung, die sie heute als Teil des negativen Gesamtbildes zu sehen erlaubt. Und so verschränkt sich heutige Wahrnehmung des Negativen mit der Erinnerung des Negativen in immer komplexeren und „angedickteren“ Schleifen bis die Gegenwart des Anderen nur noch als Bedrohung erlebt wird. Das Mitteilen dieser Sicht an den Anderen (i.d.R. als Versuch der Selbstentlastung und des Brückenschlags zum Anderen) ist für diesen wiederum eine unerträgliche Attacke, die seine Wut weiter hochtreibt usw. Die Wutlogik verstärkt die innere Mobilisierung immer mehr mit dementsprechenden körperlichen Begleiterscheinungen (wie höhere Hormon-Ausschüttungen, höherer Muskel-Tonus, schlechterer Schlaf, Magen-Übersäuerung, Hautausschlägen usw.). Die affektive Situation ist hoch anstrengend und wird so lange ertragen, weil die Partner aneinander gebunden sind.

1.3. An diese emotionale Situation ist das Rechts-System optimal anschlussfähig: Jeder der Partner kann seine Last an einen Anwalt abgeben, der in seinem Vorgehen parteilich zu sein hat. Aufgrund dieser Parteilichkeit wird jeder der Partner von seinem Anwalt in seiner Sicht angenommen; das klare Bild des „Der andere ist schlecht und eine Bedrohung!“ wird validiert; der bessere, weil frische und professionelle „Kämpfer“ kann nun den Kampf weiterführen. Nach Differenzierungen im Bild des Anderen wird nicht gesucht, sondern die „Schlechtigkeit des Anderen“ und die Berechtigtheit der eigenen Sichtweisen wird in noch stärkerer Geschlossenheit vorgetragen werden. Dieser nahtlose Anschluss an die Wutlogik ist zunächst entlastend – geschieht aber um den Preis, dass der Kreis der über intime Details Informierten und Beteiligten nun erweitert wird (=Verletzung der Loyalitätsgrenzen des Paares) und dass diese Darstellungen zum Beschämen und Bloßstellen des Anderen in der „Öffentlichkeit“ führen. Hilflose Wut, Beschämung und Zurückzahlen treiben den Kampf nun voran, der den privaten Bereich verlassen hat und nun auch ein Kampf um das eigene Bild bei einem höchst relevanten Anderen ist: der Richterin.

1.4. Der Mediation fehlt diese Anschlussfähigkeit an die Wutlogik. (Auf diesen Aspekt haben bereits Cardia-Vonèche & Bastard (1995) bei ihren Überlegungen dazu hingewiesen, warum Paare nicht scharenweise in Mediation gehen bei Trennungen.) Die Wutlogik lässt jeden sich nur noch nach Ruhe für sich selbst und nach Delegation seiner Anliegen an einen Vertreter sehnen. Gespräche mit dem Partner haben sich in unendlichen Wiederholungen als fruchtlos erwiesen und direkt hinter dem lauten „Mit dir kann man ja überhaupt nicht mehr reden!“ steht das leise „Ich kann mit dir überhaupt nicht mehr reden!“. Um sich in einer solchen Situation entgegen den eigenen spontanen Bedürfnissen mit dem bisherigen Partner in gemeinsame Verhandlungen zu begeben, braucht es ein sehr starkes Gegengewicht zu diesen Emotionen. Dieses Gegengewicht kann

  • die Furcht vor dem Verlust großer Werte sein
  • der Wunsch sein, für die Kinder das Beste zu tun; das Schuldgefühl sein, ihnen die bisherige Hochkonflikt-Zeit zugemutet zu haben und nun die Trennung zuzumuten
  • ein Zurückschrecken davor sein, dass ein im intimen Raum eskalierter Kampf die Grenze ins Öffentliche überschreitet
  • oder bei eher in alternativen Gesellschaftsvorstellungen beheimateten Paaren das Gefühl sein, die Dinge nicht „durch den Staat“ regeln lassen zu wollen.

Wutlogik auf der einen Seite und der dieser Emotionalität konträre Wunsch, die Trennung außerhalb des juristischen Systems zu regeln, auf der anderen Seite sind die Bedingungen, auf die der Mediator trifft. Von seinem Umgang mit der Wutlogik wird es abhängen, inwieweit beide Partner in einen mediativen Prozess hineinkommen.

2. Der Umgang mit der Wutlogik in der Mediation

2.1. Die Kopplung zu Beginn der Mediation

Wenn also am Beginn der Mediation die Wutlogik des Paares dessen Wahrnehmung dominiert, so muss der Mediator ein Interaktions-Angebot machen, das zu dieser Gestimmtheit passt. Aus meiner Sicht ist dies das in Körperhaltung, Gestik und Blick des Mediators deutliche Signal, beiden Halt geben zu wollen. Je höher die Spannung des Paares ist, um so weniger wird dessen Aufmerksamkeit z.B. auf die Frage gerichtet sein „Was ist Mediation?“, sondern um Fragen kreisen wie „Werde ich hier unterliegen?“, „Werde ich hier gehört werden?“, „Welche Kränkungen wird mir der Andere antun?“ usw.

Am Anfang unserer Mediations-Tätigkeit erklärten wir – entsprechend dem Lehrbuch (s. Haynes et al. 1993: 50f) - in den ersten 15 – 20 Minuten der ersten Sitzung ausführlich das Vorgehen in der Mediation (mit der Idee, dem Paar hierdurch Ruhe und Sicherheit zu geben). Unser Eindruck aber war dabei, dass die Paare bestenfalls höflich-desinteressiert zuhörten (ohne recht aufnahmefähig zu sein), häufig aber schlicht überfordert darauf warteten, wann es denn nun losginge. Wir haben schließlich diesen wiederholten Eindruck „eingesehen“ und alle die Informationen, die wir bisher anfangs der Sitzung gaben, stattdessen in den Begrüßungs-Brief geschrieben, den jeder für sich bekommt und den er dann zu Hause in Ruhe durchlesen kann.

Der emotionale Druck der Anfangs-Situation wird noch dadurch verstärkt, dass mit dem Beginn der Mediation der Zeitpunkt markiert ist, an dem die Regelungen für die Trennung erarbeitet bzw. erkämpft werden sollen. Dies eröffnet bei beiden zusätzlich zur Wutlogik eine Angstlogik mit dem Kreisen der Gedanken um die drohenden unvermeidlichen Verluste, aber auch um die durch den Anderen erkämpfbaren Regelungen, die also vermeidbare eigene Verluste wären. (Bastine weist darauf hin, dass die definitive Aufteilung der ehelichen Ressourcen eine bedrohliche Situation darstellt, die „zu stark selbstschützendem Verhalten und massiven emotionalen Reaktionen“ (1998: 298f) führen kann.) Auch hier gibt es das bei der Wutlogik ausgeführte Erinnerungs-Phänomen: aus den Tausenden im Streit gesagten Sätzen steht der eine Satz („Du siehst die Kinder überhaupt nicht mehr!“, „Ich schmeiß alles hin, dann kannst du sehen, wovon du lebst!) im Zentrum der Erinnerung, wird aktiviert und als „final blow“ erwartet.

Eine zu abwartende und vorsichtige Körpersprache des Mediators in den ersten Minuten der Begrüßung und des Platznehmens wirkt in dieser Situation wie eine Suggestion an das Paar, dass in der Mediation ein Raum gegeben werden wird, der von den Partnern gefüllt werden kann/muss, und lädt beide dadurch zum Kampf um dieses Füllen ein.

Nonverbales Verhalten und das Gesprochene der ersten Minuten sollten den Medianden signalisieren: „Wir wissen, dass Sie beide unter Druck stehen. Wir werden dafür sorgen, das (1) jeder von Ihnen (2) gehört wird. (3) Wir sind bereit, die Verantwortung für dieses Gespräch zu übernehmen und werden deshalb führen. (4) Wir laden Sie dazu ein, uns diese Verantwortung zu übergeben.“

Das primäre Ziel dieses Vorgehens ist es, dem Paar Halt zu geben. Seine sekundäre Bedeutung aber liegt auch im Schutz des Mediators davor, von den Gefühlen der Partner überflutet zu werden. Ohne eine Resonanz auf die Emotionalität der Partner wird es nicht zu einer Kooperations-Beziehung mit beiden kommen. Lädt er beide aber paraverbal zu sehr zum Ausdruck ihrer Gefühle ein, so wird er davon überrollt werden und nur noch schwer wieder in einen inneren Zustand kommen, in dem er beiden Beruhigung und Halt geben kann. („Wer zu `laid back´ die Mediation startet, wird auf den Rücken fallen!“) Und als drittes Element dieses Kopplungs-Angebots wird verdeutlicht, dass wir nicht der Idee anhängen, wir könnten das Paar kontrollieren. (Jeder, der dies in Trennungs-Mediationen versucht, wird angesichts der emotionalen Wucht die Endlichkeit seiner Kontroll-Fähigkeit erfahren.) Aber wir können dazu einladen, uns die Kontrolle zu übergeben – und werden dann von jedem Partner daraufhin überprüft werden, ob wir angemessen und fair mit dieser delegierten Kontrolle umgehen.

2.2. Der Prozess

2.2.1. An dieser fairen Handhabung der Prozess-Steuerung entscheidet sich zunächst, ob Vertrauen bei den Medianden aufkommt – und das heißt hier: die Bereitschaft, mehr und mehr Verantwortung dem Mediator für den Prozess zu übergeben. Wenn diese Signale des Halts und des Vertrauens gesetzt werden, orientieren sich die Partner zunehmend hin auf die Mediatoren und weg von der bisherigen Kampfbereitschaft auf den Partner. Diese Hinorientierung auf den Mediator senkt das innere Aktivierungs-Niveau, „normalisiert“ die Person, verändert die Stimme und lockert die Denk- und Gefühlsfestgefahrenheit in der Wutlogik.

Hochstrittige Paare sind, wenn sie gemeinsam auftreten, alles andere als sympathisch. Es ist keine Lust, mit ihnen in Kontakt zu kommen. Ihre quasi automatisierten Reaktionen lassen sie fast wie Karikaturen erscheinen: gerade ihre heikelsten Seiten werden bis ins Groteske übersteigert. Ihre durch die Wutlogik geprägte Interaktion lässt im Mediator i.d.R. auch nicht Mitleid als tragendes Motiv für die Zusammenarbeit aufkommen. - Da ist es gut (auch für die Psycho-Hygiene des Mediators), wenn dieser fest entschieden ist, aus ihnen das Normale, Menschliche, Verständliche – kurz das Sympathische „herauszumediieren“.

Dieser Umgang des Mediators orientiert die Partner von der Ausrichtung „Show-down mit dem Partner“ und Kampf um die besseren Argumente gegenüber dem Mediator hin auf „kontrolliertes Gehaltensein“ durch den Mediator. Wo bisher das Weiße im Auge des Partners gesucht wurde bis man rot sah, wird jetzt der Mediator gesehen, der in seinem Kontakt Resonanz, Verständnis und Grenze zugleich anbietet.

Es hat einige Zeit des Lernens gebraucht, bis wir dieses Angebot entwickelten anstelle von Signalen, die den Medianden v.a. die Botschaft gaben „Drücken Sie sich aus; wir wollen das verstehen!“. Ganz adäquat für ein solches Angebot ohne „Führungs“-Teil bekamen wir anfangs wiederholt nach Abschluss der Mediationen gerade von hochstrittigen Paaren die Rückmeldung, dass diese es besser gefunden hätten, wenn sie einander gegenüber gesessen und sich gegenseitig (statt uns) hätten anschauen können in der Mediation. Durch unsere Situations-Gestaltung hatten wir wohl – fälschlicher- und für die Eskalationen fatalerweise- nahegelegt, dass es in Mediationen um „direkte Kommunikation“ der Partner miteinander geht.

Der Mediator hört sich die Sicht des Einen an und signalisiert fortwährend, dass für ihn zwei Sichtweisen nebeneinander bestehen können – deshalb fühlen sich beide weniger gefordert, um den Bestand ihrer Sichtweise zu kämpfen. Dem Mediator gegenüber können Konzessionen gemacht werden. Das ständig wiederholte Einladen zur Zukunftsorientierung lenkt die Wahrnehmung in andere als die durch die Wutlogik besetzte Themenbereiche. Dieser sequentielle parallele Kontakt vom Mediator zu jedem der Partner lässt den Einen jeweils den Anderen seit langem wieder zunehmend „normaler“ und ruhiger, nach einiger Zeit auch weniger „betoniert“, differenzierter und reflexiver erscheinen. Das in der Wutlogik eingefrorene Bild des Anderen beginnt zu tauen.

2.2.2. Auf dieser Grundlage haben die üblichen Mediations-Techniken (wie explizites verbales Normalisieren, Zusammenfassen, Suchen nach verbindenden Interessen usw.), die Aufmerksamkeit für Sprache und die Haltung der Allparteilichkeit ihre Bedeutung. Signalisiert das Vorgehen des Mediators z.B. eine Bevorzugung der einen Seite, so gehen sofort die Alarmglocken beim Anderen an, dessen Aktivierung schießt hoch und die Kampfbereitschaft ist wieder da. Andererseits sollte man die Bedeutung der Worte nicht überbewerten: natürlich ist es ungünstig, wenn der Mediator die Wortwahl des Einen zur Beschreibung eines gemeinsamen Problems benutzt (= dessen verbale Konstruktion „kauft“) oder wenn er z.B. von „Besuchen“ der Kinder beim Vater spricht (statt von der „gemeinsamen Zeit“, den „Umgangszeiten“ o.ä.). Doch werden solche Fehler immer wieder von den Klienten toleriert, wenn die emotionale Grundlegung in der Mediation stimmt.

2.2.3. Diese Veränderung der affektiven Grundstimmung erlaubt dann auch Zeichen der Sympathie beiden Medianden gegenüber und damit einen zunehmenden Prozess des „Loslassens“ auf Seiten des Mediators. So kann dann z.B. Humor in den Kontakt eingeführt und damit zweierlei erreicht werden:

  • eine kurze gemeinsame Distanzierung vom Geschehen mit einem Augenzwinkern
  • und ein Validieren der beiden als des Humors wert.

Ist die emotionale Zuwendung des Mediators zu den einzelnen Partnern anfangs der Mediation nur begrenzt, da jede emotionale Validierung des Einen vom Anderen als bedrohlich erlebt wird, so entsteht mit dem Aufweichen der Wutlogik mehr Spielraum für den Mediator: zunächst sich intensiver dem Einzelnen zuzuwenden, später auch wieder beide in ihren gemeinsamen Anstrengungen zu validieren.

2.2.4. Die begrenzten empirischen Daten, die uns bisher zu erfolgreichem Mediator-Verhalten vorliegen, sind mit dem obigen aus der Affektlogik und dem Erfahrungs-gesteuerten Lernen abgeleiteten Vorgehen konsistent: in der Untersuchung von Bastine et al. (1999: 51f) hoben die Klienten die überragende Bedeutung von „Strukturierung“ und „Unterstützung“ als hilfreichem Verhalten der Mediatoren hervor (sowohl im positiven Sinne, wenn beides gegeben war als auch im Negativen, wenn beides fehlte). Ähnliche Ergebnisse finden sich in den Befragungen von Mediatoren und in Analysen von Tonband-Protokollen von Mediationen: besondere Bedeutung wird den stark strukturierenden und umdeutenden Interventionen und einem aktiven Mediatoren-Verhalten beigemessen (s. Pearson & Thoennes 1988: 434ff; s.a. Slaikeu et al. 1988: 493).

2.2.5. Aus dem Gesagten folgt auch eine Erweiterung der Indikations-Kriterien für Mediation: aus meiner Sicht reicht es nicht aus, die beiden üblichen Kriterien des „firm and fair“ bei den Medianden zu prüfen (s. Haynes et al. 1993: 61; s.a. Bastine et al. 1999: 102f), sondern zusätzlich ist zu beachten, ob beide in irgendeiner Weise überhaupt von dem Handeln des Mediators „berührt“ werden und darauf Reaktion zeigen oder ob ihr Reden/Sprechen „automatisiert“ weiterläuft, ein Eingreifen und Haltgeben des Mediators abgelehnt wird usw.

3. Konsequenzen für Ausbildung und Supervision

Schlaglichtartig seien als Konsequenz aus dem Dargestellten einige Ergänzungen zu den bisherigen Inhalten in Ausbildung und Supervision genannt:

  • Ein grundsätzliches Verständnis für die emotionale Situation der Partner in der Mediation und warum für sie neue Informationen am Anfang von Mediationen kaum aufzunehmen sind.
  • Ein grundsätzliches Verständnis für die „ansteckende“ Qualität von Emotionen und welche Herausforderungen dies für Mediatoren bedeutet.
  • Ein Erarbeiten, welche Stärken und Schwächen wir als Mediatoren im Umgang mit dieser Situation haben insb. bei den beiden Dimensionen „Resonanz“ und „Führung“: sind wir stark resonanzfähig, so wird uns das bei einem hochstrittigen Paar unter Druck (= selbst in hohe Erregung) bringen, wenn wir nicht geeignete Maßnahmen der Steuerung gegenüber dem Paar und des Schutzes für uns selbst ergreifen. Sind wir stark in der Führung, aber kaum in Resonanz (was aus meiner Sicht heißt: dämpfen wir alle bei uns selbst entstehende Erregung automatisch bis zur Unkenntlichkeit ab), so wird kaum eine Arbeitsatmosphäre entstehen, die den Partnern Chancen zu einer Veränderung der Wutlogik gibt.
  • Solche Richtungen der eigenen professionellen Entwicklung gehen weit über das Erlernen „schlauer“ Zusammenfassungen und Hypothesen hinaus. Sie brauchen Zeit und eine freundliche Begleitung durch Ausbilder und Supervisoren.
  • Worte sind wichtig, aber nicht „alles“: es ist gut, wenn sich die Partner gehört fühlen, weil der Mediator den Inhalt ihrer Aussagen wiederholt; mehr Potential enthält aber eine Mediatoren-Äußerung (verbal oder nonverbal), die Verständnis signalisiert.
  • Gerade für die Mediatoren aus den therapeutischen Professionen ist es günstig zu überprüfen, ob sie anfangs der Mediationen zu wenig Territorium einnehmen und es den Partnern dadurch an Halt fehlt.
  • Ein Wissen um die Grenzen unseres Bemühens und dass wir auch von der Situation überfordert sein können; dass wir die Steuerung verlieren, dies dem Paar kommunizieren und dann erneut zur Übergabe der Steuerung an uns einladen können.

Und nicht zu vergessen: genug Pausen zu machen und darin kräftig zu lüften!

Ich danke Lis Ripke, Dr.Ulrike Schmidt-Assmann und Andrea Herms für gemeinsames Lernen in Mediationen.

Summary: Controversial marital separations are processes of a highly emotional quality. Referring to the “Theory of emotional logic” by Luc Ciompi ideas about the emotions and cognitions of couples coming to mediation are developed. How mediators can join the emotional state of the clients at the start of mediations and offer appropriate guidance during the process is discussed. From these thoughts additions to the actual mediation training programs and supervision practice are derived.

Bibliographie:

Bastine, R. (1998): Scheidungsbewältigung durch Mediation (S.289 – 308) In: Hahlweg, K., D.H.Baucom, R.Bastine & H.J.Markman (Hg.): Prävention von Trennung und Scheidung – Internationale Ansätze zur Prädiktion und Prävention von Beziehungsstörungen. Schriftenreihe des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend. Band 151, Stuttgart Berlin Köln (Kohlhammer).

Bastine, R., B.Weinmann-Lutz & A.Wetzel (1999): Unterstützung von Familien in Scheidung durch Familien-Mediation. Abschlußbericht. Sozialministerium Baden-Württemberg Stuttgart.

Cardia-Vonèche, L. & B.Bastard (1995): Unaufhaltsamer Aufstieg oder unüberwindbare Stagnation? Die Frage nach dem Schicksal der Familienmediation (S. 205 – 214). In: Duss-von Werdt, J., G.Mähler & H.-G.Mähler (Hg.): Mediation: Die andere Scheidung. Ein interdisziplinärer Überblick. Stuttgart (Klett-Cotta).

Ciompi, L. (1998): Die affektiven Grundlagen des Denkens – Kommunikation und Psychotherapie aus der Sicht der fraktalen Affektlogik (S.77 – 100). In: Welter-Enderlin, R. & B.Hildenbrand (Hg.): Gefühle und Systeme. Die emotionale Rahmung beraterischer und therapeutischer Prozesse. Heidelberg (Carl-Auer-Systeme).

Ciompi, L. (1999): Die emotionalen Grundlagen des Denkens. Entwurf einer fraktalen Affektlogik. Göttingen (Vandenhoeck & Ruprecht), 2.Aufl.

Duss-von Werdt, J., G.Mähler & H.-G.Mähler (1995): Mediation: Die andere Scheidung. Ein interdisziplinärer Überblick. Stuttgart (Klett-Cotta).

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Proksch, R. (ohne Jahr): Mediation – Vermittlung in familiären Konflikten. Einführung von Mediation in die Kinder- und Jugendhilfe. Nürnberg (ISKA).

Slaikeu, K.A., J.Pearson & N.Thoennes (1988): Divorce mediation behaviours: a descriptive system and analysis (S. 475 – 495). In: Folberg, J. & A.Milne (Hg.): Divorce mediation. Theory and practice. New York & London (Guilford).