Wozu Rückmeldungen?


Wozu KlientInnen-Rückmeldungen? Wir wissen doch, dass wir gut sind!
Beraterische Gewissheiten, Psychotherapieforschung und Erfahrungen mit Rückmeldesystemen

Arndt Linsenhoff

Zusammenfassung: In diesem Artikel werden Beispiele für sehr einfache KlientInnen-Rückmeldesysteme beschrieben, die in einer „Ehe-, Familien- und Lebensberatungsstelle mit Anerkennung nach dem Schwangerschaftskonflikt-gesetz“ verwendet werden. Die Darstellung will dazu einladen, mit solchen Rückmeldungen zu experimentieren, um sich über die eigene Wirksamkeit klarer zu werden und um diese - bei Interesse - auch weiter zu entwickeln.
Schlüsselwörter: KlientInnen-Rückmeldung, Qualitäts-Entwicklung in Beratung und Psychotherapie

What is client feedback good for? We already know that we are competent!
Counsellor certainties, psychotherapy research and experiences with feedback-systems

Summary: In this article examples of very simple client-feedback-systems are given, which are used in a certified counselling centre. The description wants to invite counsellors and psychotherapists to experiment with client-feedback in order to get a clearer understanding of their own effectiveness and, if this is wanted, to develop it.
Keywords: client-feedback, quality development in counseling and psychotherapy

Dieser Artikel ist die überarbeitete Version eines Vortrags vor der Mitgliederver-sammlung des ProFamilia Landesverbandes Baden-Württemberg. Er geht von den Argumenten aus, die jeder Kollegin und jedem Kollegen einfallen, um zu begründen, warum KlientInnen-Rückmeldungen nun wirklich nicht nötig sind; diesen Argumenten werden Ergebnisse der Psychotherapieforschung gegenübergestellt (Teil 1). Für den Fall, dass eine Beratungsstelle sich auf den Weg machen möchte, Rückmeldesysteme zu erproben, wird kurz erläutert, welche Voraussetzungen für diesen Prozess günstig wären (Teil 2). Schließlich werden Erfahrungen mit unterschiedlichen Rückmeldesystemen bei unterschiedlichen Informations-Interessen aus der ProFamilia Heidelberg geschildert; hierfür werden Beispiele aus den Bereichen Schwangerschaftskonflikt-Beratung und Psychotherapie/psychologische Beratung dargestellt (Teil 3).

Während sich die Diskussionen bei den niedergelassenen therapeutischen KollegInnen um das etablierte Gutachterverfahren und die gegenwärtigen/ge-planten Modellprojekte zur Qualitäts-Sicherung drehen (s. z.B. Palm, 2003), ist die Perspektive in diesem Artikel in mehrfacher Hinsicht eine andere:

  • es geht nicht um externe Kontrolle unseres Tuns im Kontext Qualitäts-Sicherung, sondern um Feedback-Prozesse an uns selbst, um so unser Tun klarer erfassen und ggf. verbessern zu können und steht deshalb im Kontext Qualitäts-Entwicklung
  • es geht nicht allein um Psychotherapie, sondern um das Klienten-gerichtete Handeln aller KollegInnen einer „Ehe-, Familien- und Lebensberatungsstelle mit Anerkennung nach dem Schwangerschaftskonfliktgesetz“ – deshalb werden Beispiele aus zwei der insgesamt fünf Arbeitsbereiche der Stelle exemplarisch dargestellt
  • es geht nicht um wissenschaftliche Präzision (um große Stichproben, um statistische Berechungen usw.), sondern v.a. um plastisches Erfassen der KlientInnen-Sichten
  • und es geht nicht um Test-„Batterien“, sondern um sehr kurze Instrumente, die mit geringstem Aufwand und sehr einfacher Handhabbarkeit in einen bestehenden Kontext einzubauen sind.

1. Drei Argumente, warum KlientInnen-Rückmeldungen überflüssig sind - und Gegenargumente aus der Sicht der Psychotherapieforschung

Jenseits des elaborierten Gesprächs in Supervisionen, Fallkonferenzen usw. gibt es drei „Gewissheiten“, die uns Halt geben in der täglichen Arbeit und die häufig dem Gespräch im KollegInnenkreis unterlegt sind:

1.1. „Wir spüren doch, dass die KlientInnen von unserem Tun profitieren. Wir nehmen die Zufriedenheit (und die Unzufriedenheit), die Veränderungen (und die Stagnation) wahr und hören ja auch explizit, welchen Gewinn sie aus Beratung/Therapie ziehen. Wozu bräuchte es da noch eine formalisierte Rückmeldung?“
Zweifellos trifft ja zu, dass wir kontinuierlich diese Beobachtungen sammeln. Auf deren mögliche Grenzen weist allerdings eine Untersuchung von Hiatt & Hargrave (1995) für eine amerikanische Health Maintenance Organization hin: nachdem die Therapie-Ergebnisse unterschiedlicher Psychotherapeuten ausgewertet wurden, konnten die effektivsten mit den am wenigsten effektiven Therapeuten verglichen werden. Dabei wurde deutlich, dass sich Letztere für genauso effektiv hielten wie dies die effektivsten Therapeuten taten! Bei allen denkbaren Zweifeln gegenüber einer einzelnen Untersuchung: die Möglichkeit, dass wir den Grad unserer Effektivität gar nicht wahrnehmen, ist nicht von der Hand zu weisen.

1.2. „Je erfahrener eine Kollegin/ein Kollege ist, um so besser ist sie/er.“ Dem liegt die Vorstellung zugrunde, dass die reine Menge der KlientInnen-Kontakte, der Fortbildungen, der Supervisionen und des Nachdenkens über unsere Fälle uns immer effektiver macht.

Die Erkenntnisse der Psychotherapieforschung in dieser Frage sind geradezu kränkend. Immer wieder ist nach dem gewünschten Ergebnis gesucht worden, dass erfahrene TherapeutInnen besser sind als unerfahrene. Jede konsekutive Untersuchung hat zunächst dargelegt, welche Mängel vorhergehende Untersuchungen aufgewiesen haben und wie diesen Mängeln in der vorliegenden Untersuchung abgeholfen wird. Zudem sind „Paraprofessionals“ mit ausgebildeten PsychotherapeutInnen verglichen worden: dies sind Personen, die weder eine Grundausbildung als Psychologe, Mediziner oder Sozialarbeiter usw. noch eine geregelte therapeutische Ausbildung erfahren haben und auch nicht über klinische Erfahrung verfügen; vielmehr sind diese Personen für kurze Zeit von ausgebildeten TherapeutInnen trainiert worden, bevor sie selbst therapeutisch tätig wurden. Christensen & Jacobsen (1994) fassen die Forschungsliteratur zu diesem Thema zusammen und kommen zu dem Schluss:
„... whatever refinements are made, whatever studies are included or excluded, the results show either no differences between professionals and paraprofessionals or, surprisingly, differences that favor paraprofessionals.“ (aaO, S.9)
und weiter
„... under many if not most conditions, paraprofessionals or professionals with limited experience perform as well or better than professionally trained psychotherapists. Professional training and clinical experience may not add to the efficacy of pyschotherapy.“ (aaO, S.10)!

1.3. Der Verweis auf die therapeutische Ausrichtung, der implizit alle Fragen nach der Effektivität als beantwortet sieht, also z.B. „Wir sind psychoanalytisch orientiert!“ – womit auf die Tradition und Erfahrungsmenge dieser Richtung verwiesen wird; oder „Wir sind verhaltenstherapeutisch orientiert!“ – womit auf die Nähe zur empirischen Psychologie und die reichhaltigen Forschungsbelege verwiesen wird; oder „Wir sind systemisch orientiert!“ – womit auf die Wichtigkeit der grundsätzlichen Sicht des Menschen als in Systeme eingebunden verwiesen wird und auf die methodische Innovationsfreude usw. usf.

Schon 1985 veröffentlichten Luborsky et al. eine Studie, in der sie die Unterschiede zwischen TherapeutInnen untersuchten. Für die psychoanalytische Behandlungsbedingung wählte der Psychoanalytiker Lester Luborsky diejenigen Psychoanalytiker als TherapeutInnen aus, die ihm am besten für das in der Studie zu behandelnde Klientel geeignet schienen. Für die kognitiv-verhaltenstherapeutische Behandlungsbedingung wählte Aaron T. Beck diejenigen VerhaltenstherapeutInnen aus, die ihm die Geeignetesten für dieses Klientel zu sein schienen. Die Störungsintensität der Klienten wurde kontrolliert; das Behandlungsvorgehen war manualisiert. Trotz aller sorgfältigen Kontrollen gab es massive Unterschiede in der Effektivität zwischen den TherapeutInnen (Luborsky et al., 1985, S.604: „ ... the range in these performance measures was quite dramatic.“): während innerhalb einer Behandlungsbedingung bei dem einen Therapeuten die Klienten im Durchschnitt um 80% gebessert waren, waren sie dies bei einer anderen zu 17%, bei einem dritten hingegen waren diese um 1% verschlechtert (aaO)! Diese Ergebnisse wurden in einer folgenden Untersuchung von Luborsky et al. (1986) bestätigt: durch Reanalyse von vier verschiedenen Therapie-Studien kamen die Autoren zu dem Ergebnis: „ ...the differences in outcomes among therapists were much more impressive than the differences in outcomes among treatments.“(aaO, S.510). Und sie ergänzten, dass diese im Forschungsrahmen gefundenen Effektivitäts-Unterschiede vermutlich im therapeutischen Alltag noch sehr viel größer seien (aaO, S.511).

1.4. Die KlientInnen-Rückmeldung im Zentrum
Wenn also weder unsere professionell geschulte Wahrnehmung noch die Dauer unserer Tätigkeit noch die Art (und Menge) unserer therapeutischen Ausbildung uns ein verlässlicher Indikator dafür sein können, wie wirksam wir jeweils als TherapeutInnen (und eben auch als BeraterInnen) sind, dann bleiben uns als einzige Informationsquelle über unsere Effektivität nur unsere KlientInnen. Und ob wir unsere Wirksamkeit erhöhen, lässt sich dann auch nicht durch den selbst erlebten Kompetenz-Zuwachs nach weiteren Aus- und Fortbildungen belegen, sondern allein dadurch, dass sich diese Erhöhung der Wirksamkeit bei den KlientInnen zeigt.

Dass durch Rückmeldungen nicht nur Klarheit über die Wirksamkeit erreicht werden kann, sondern diese auch einen Einfluss auf die Effektivität selbst haben können, verfolgt eine neue Richtung der Psychotherapie-Forschung unter dem Begriff der „patient-focused research“. Als Beispiel sei eine Untersuchung von Lambert et al. (2001b, s.a. Lambert et al., 2001a, S.166ff) genannt, in der die TherapeutInnen der Experimental-Gruppe nach jeder Sitzung die Werte des OQ-45 (eines in den USA weitverbreiteten Outcome-Fragebogens, Lambert et al., 1996) ihrer KlientInnen rückgemeldet bekamen, während die Kontrollgruppe keine Rückmeldungen erhielt. Ein Unterschied zwischen diesen Gruppen zeigte sich bei den KlientInnen, die sich innerhalb der Therapie verschlechterten: bei den TherapeutInnen mit Rückmeldungen kam es zu einer deutlich stärkeren anschließenden Verbesserung der KlientInnen als bei den TherapeutInnen ohne Feedback . Als entscheidend für diesen Erfolg wurde gesehen, dass das Feedback an die TherapeutInnen 1. zeitnah erfolgt und 2. handlungsorientierte Informationen enthält (Lambert et al., 2001a, S.169).

2. Eine dringende Empfehlung, warum Rückmeldesysteme kooperativ eingeführt werden sollten

Wenn nun die Führungsebene einer Beratungsstelle (Träger und/oder LeiterIn) davon überzeugt sein sollte, dass Rückmeldesysteme zur Entwicklung der Einrichtung beitragen könnten, so gilt es diese umsichtig und kooperativ einzuführen. Sonst kann es leicht zu „confusion and resentment“ kommen, wie dies Johnson & Shaha (1996, S.235) von der Implementation eines „Kontinuierlichen Verbesserungs-Prozesses“ in einer Psychiatrischen Klinik berichten.

Die Leitung sollte den KollegInnen, die täglich beratend und therapeutisch tätig sind, Rückmeldesysteme nicht einfach auferlegen, sondern sie dafür zu gewinnen suchen. Zunächst einmal sollte sie sich darüber klar sein, dass alle – zu recht - unsicher sind, wie die eigenen Rückmelde-Ergebnisse sein werden. Jenseits des dominanten Diskurses über unsere Intuition, Erfahrung und „richtige“ therapeutische Ausrichtung spüren wir in der Regel doch auch die Ungewissheit darüber, wie wirksam wir sind. Damit wir uns in dieser Unsicherheit Rückmeldungen stellen, braucht es förderliche Bedingungen:

  • günstig ist die Frage der Leitung „Was braucht Ihr, damit Ihr KlientInnen-Rückmeldungen als Möglichkeit für Eure Entwicklung verstehen könnt?“ Die Antworten auf diese Frage können deutlich machen, dass zunächst eine längere Phase der Organisations-Entwicklung notwendig ist, bevor die Einrichtung solche Prozesse „verträgt“. Statt diese Fragen nur kurz pro forma abzuhandeln sollte sich die Einrichtung unbedingt die notwendige Zeit und Aufmerksamkeit für diese Entwicklung nehmen
  • ein Klima der Fehlerfreundlichkeit, Unterstützung und Lernbereitschaft auf allen Ebenen. Hilfreich für die gute Führung in solchen Implemen-tationen ist sicher auch, dass die LeiterInnen von Beratungsstellen häufig selbst in der beraterischen Arbeit stehen und daher die Unsicherheit über die KlientInnen-Rückmeldungen mit den KollegInnen teilen.

Die hohen Fortbildungs-Aktivitäten der MitarbeiterInnen von Beratungsstellen verweisen darauf, dass das Interesse an professioneller Entwicklung bei ihnen stark ist. Ziel des Implementations-Prozesses ist es, dieses Interesse zu berühren, die Angst vor Beschämung gering zu halten, die Konkurrenz untereinander in unterstützendem Sinne zu nutzen und damit jedem und jeder einen guten Ausgangspunkt für die jeweilige weitere Entwicklung zu geben.

3. Beispiele aus der ProFamilia Heidelberg: drei Perspektiven zum Umgang mit KlientInnen-Rückmeldungen

Im Folgenden sollen einige Beispiele das Vorgehen in der ProFamilia Heidelberg illustrieren. Von den fünf Arbeitsbereichen der Beratungsstelle (psychologische Beratung und Psychotherapie bei Ehe-, Familien- und Lebensproblemen; Schwangerschaftskonflikt-Beratung; Beratung über soziale Hilfen und sozialrechtliche Fragen; medizinische Beratung über Familienplanung und Frauengesundheit; Sexualpädagogik) sollen nur Beispiele aus den ersten beiden Arbeitsbereichen gegeben werden; das Beschriebene gilt auch für die anderen Bereiche. Die geschilderten Rückmeldungen beziehen sich nur auf die beratende und therapeutische Tätigkeit – nicht aber auf andere Tätigkeitsformen in diesen Bereichen wie Vorträge, Kurse usw. Für Informationen über die Einbettung dieser Rückmelde-Prozesse in die Organisations- und Qualitäts-Entwicklung der Stelle insgesamt sei auf Linsenhoff (2002) verwiesen.

3.1. Die Entwicklungs-Perspektive
Die drei Kolleginnen, die im Bereich Schwangerschaftskonflikt-Beratung tätig sind, haben gemeinsam einen Fragebogen entwickelt, der neben einigen wenigen statistischen Angaben insbesondere die Erwartungen vor der Beratung und das Erleben in der Beratung erfragt (zu Hintergrund, Eigenheiten dieses Beratungsbereichs und Entwicklungsprozess s. Linsenhoff, 2000; dort ist auch der Fragebogen abgedruckt). Im Jahr 1998 haben sie diesen Bogen am Ende der Beratung erstmals an alle Frauen (und Männer) ausgegeben, die innerhalb von vier Wochen in diesem Bereich bei ihnen zur Beratung kamen; der Bogen wurde gleich im Anschluss an die Beratung ausgefüllt. Das Klientel umfasst also die gesamte Bandbreite in diesem Bereich: von der Frau, die explizit nach Hilfe in einem massiven Konflikt sucht bis zu dem Paar, „das nur den Schein abholen“ will. Da die Kolleginnen ein unterschiedliches Stundendeputat in der Stelle und in diesem Arbeitsbereich haben, kamen bei jeder ganz unterschiedliche Zahlen von Beratungen in dieser Zeit zustande. Diese Zeitvorgabe wurde trotzdem einer Vorgabe von gleichen Beratungszahlen vorgezogen, um die Erfahrung des Ausgebens (die Aufregung, die Freude, die Überraschung, die Irritation) zur gleichen Zeit miteinander teilen zu können.

Abbildung 1
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Abbildung 1 zeigt die gemittelten Ergebnisse von zwei der drei Kolleginnen bei der Bewertung der Beratung; die anderen Teile des Fragebogens wurden weggelassen. Um diese Grafik einschätzen zu können, sei auf die Rückmeldungen im Bereich Sozialberatung aus dem gleichen Jahr bei den selben Kolleginnen kurz hingewiesen : hier liegen die Kurven sehr nah beieinander (maximale Differenz 0,3 Punkte) und die Werte sind durchgängig hoch bis sehr hoch. Im Unterschied zur Sozialberatung als primär informierender Beratung ist das Feld bei der Schwangerschaftskonflikt-Beratung sehr viel komplexer, vielschichtiger und widersprüchlicher. Und so finden sich hier auch sehr viel größere Differenzen zwischen den Beraterinnen, insbesondere
(1) bei der Aussage „Ich habe die Beratung wahrgenommen, weil sie rechtlich vorgeschrieben ist.“ gibt es Differenzen von 1,5 Punkten. Dies ist ein Unterschied, der nicht auf die Haltung der KlientInnen verweisen kann, sondern ein Hinweis darauf ist, welche Saiten die Beraterin bei den Beratenen ins Klingen gebracht hat.
(2) bei der Aussage „In der Beratung wurden für mich neue Aspekte besprochen.“ gibt es eine maximale Differenz von 1,3 Punkten.

Ohne dass sie dies damals im Kolleginnenkreis gesagt hätte, hat sich Kollegin B über ihren Wert bei dieser letzten Frage geärgert und sich vorgenommen, in dieser Hinsicht zu einer Veränderung zu kommen. Abbildung 2 vergleicht die Kurve von ihr aus dem Jahr 1998 mit ihren Ergebnissen im Jahr 2001: eine Steigerung in dem von ihr gewünschten Sinne um 0,9 Punkte!

Abbildung 2
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3.2. die Differenzierungs-Perspektive ...

3.2.1. ... im Arbeitsgebiet Psychotherapie/psychologische Beratung
Im Bereich Psychotherapie/psychologische Beratung verwenden wir die Kurzversion eines von Grawe & Braun (1994) vorgestellten Stundenbogens, um uns über die Qualität unserer Arbeit Klarheit zu verschaffen. (Zu den konzeptuellen Überlegungen und Anforderungen an ein solches Instrument in einer Ehe-, Familien- und Lebensberatungsstelle s. Linsenhoff, 2000). Die in einigen Beratungsstellen geübte Praxis, Katamnese-Bögen auszusenden, hat die gravierenden Nachteile,

  • dass die Rücklaufquoten i.d.R. im Bereich zwischen 20 und 30% liegen und die Rückmeldungen daher nur sehr unsicher zu generalisieren sind auf das gesamte Klientel,
  • insbesondere aber, dass dadurch kein Lernen der TherapeutInnen bezogen auf ihr therapeutisches Handeln möglich ist: die Katamnese beschreibt nur das erreichte Ergebnis bei KlientInnen, nicht aber die Handlungen, die zu diesem Ergebnis geführt haben.

Die Potentiale für die eigene therapeutische Entwicklung liegen m.E. aber gerade in den Sitzungs-bezogenen Rückmeldungen der KlientInnen, weil diese zeitnah sind und handlungsorientiert umgesetzt werden können (s.o. Lambert, 2001a, S.169). Zudem ist auch ein sehr enger Zusammenhang der Werte in diesen Stundenbögen mit dem Therapie-Ergebnis belegt (s. Grawe & Braun, 1994, S.262):
„Die Beurteilungen der Therapie-Sitzungen durch die Patienten hängen sehr hoch mit dem schließlich resultierenden Therapie-Ergebnis zusammen, weit mehr als die Beurteilung der Therapie durch unabhängige Beurteiler oder durch den Therapeuten.“

Auch in diesem Arbeitsbereich geben wir die Bögen für eine begrenzte Zeit aus und vergleichen dann untereinander die Ergebnisse auf den Skalen

  • Zufriedenheit mit der Therapie
  • Qualität der Therapiebeziehung
  • Fortschritte innerhalb der Therapie
  • Fortschritte außerhalb der Therapie.

Auch hier ist entscheidend, dass die Bögen an alle KlientInnen im Anschluss an die Sitzung gegeben werden, so dass wir für diesen Zeitraum eine Rückmelde-Quote von 100% haben. Eine solche Quote kann nur erreicht werden, wenn die KollegInnen dies als ihr eigenes Projekt verstehen – und nicht als Hobby des Leiters, Druck des Trägers, Auflage des Zuschussgebens usw. Nur dann werden sie diese Bögen auch dann ausgeben, wenn sie ein schlechtes Feedback erwarten. Denn auch heftigst zerstrittene Paare, die schon nach kurzer Zeit den Berater nicht mehr wahrnehmen oder Klienten mit dem Auftrag an uns, doch bitte ganz Andere zu ändern, gehören zum Klientel von niedrigschwelligen Angeboten – und geben uns eher „schlechte Noten“, wenn wir ihre Erwartungen nicht erfüllen.

Differenzierungs-Perspektive meint nun hier, nicht nur die summierten Skalenwerte im KollegInnenkreis zu vergleichen, sondern auch beim einzelnen Kollegen/der einzelnen Kollegin nach den Unterschieden zu suchen, die ihn/sie in diesem Bereich interessieren. So habe ich bei meinen Fragebögen im Jahr 2002 auch nach Einzel- und Paartherapien/-beratungen getrennt ausgewertet. Auf der Skala „Fortschritte außerhalb der Therapie“ liegen meine Werte bei Einzeltherapien/-beratungen um 1,0 Punkte höher als bei Paartherapien/-beratungen (bei einer siebenstufigen Skala von –3 bis +3). Wenn sich diese Differenz bei allen KollegInnen zeigen würde, wären bei einem Vergleich im KollegInnenkreis bei demjenigen, der überwiegend Einzeltherapien macht, deutlich höhere Ergebnisse auf dieser Skala zu erwarten als bei einer Kollegin mit einem hohen Paartherapie-Anteil.- Im gleichen Sinne habe ich auch die Ergebnisse von Erstgesprächen (egal in welchem Setting) mit den Ergebnissen von laufenden Therapien/Beratungen (dito) verglichen und komme zu dem – wenig überraschenden – Ergebnis, dass in laufenden Therapien meine Werte auf der gleichen Skala um 0,7 Punkte höher liegen als in Erstgesprächen. Auch diese Differenz sollte beim Vergleich im KollegInnenkreis im Auge behalten werden: weil sie darauf verweist, dass höhere Werte von KollegInnen, die in der Regel eher lange Therapien machen, nicht unbedingt auf deren höhere Wirksamkeit verweisen, sondern dem deutlich selteneren Vorkommen von Erstgesprächen bei ihnen geschuldet sein können.

3.2.2. ... im Arbeitsgebiet Schwangerschaftskonfliktberatung
Diese Differenzierungs-Perspektive ist natürlich sinnvoll in allen Arbeitsbereichen. Als Beispiel sei der Unterschied zwischen den unausgelesenen Schwangerschaftskonflikt-Beratungen (s. 3.1.) und einem zweiten späteren Durchgang im Jahr 1998 demonstriert, in den zwei (der drei) Kolleginnen ausschließlich Frauen/Paare aufnahmen, die sich selbst im Schwangerschaftskonflikt erlebten und die daher eine genuine Beratungs-Motivation hatten.

Abbildung 3
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Abbildung 3 zeigt, dass bei beiden Kolleginnen die Werte bei der Aussage „In der Beratung wurden für mich neue Aspekte besprochen.“ zwischen der ersten und der zweiten Stichprobe jeweils deutlich differieren (bei Kollegin A: 0,7 Punkte, bei Kollegin B: 0,8 Punkte).

Auch dies gibt die Information, dass eine Kollegin, der besonders häufig solche sich massiv im Konflikt erlebende Klientinnen zugeteilt werden, im Durchschnitt bei dieser Frage höhere Werte haben wird als andere Kolleginnen mit „unausgelesenen“ Klientinnen. – Ähnlich ließen sich die Werte von Frauen, die allein zur Beratung kommen, mit den Werten von Paarberatungen in diesem Bereich vergleichen oder die Werte von deutschen Frauen mit den Werten von Frauen ausländischer Abstammung usw. Aus all diesen Differenzierungen ließen sich dann wieder Entwicklungsziele ableiten und deren Erreichen/Nicht-Erreichen dann mit den Stundenbögen verfolgen.

3.3. die Perspektive der Ressourcen-Aktivierung

3.3.1. Die Bedeutung der Ressourcen-Perspektive
Bereits in den Anfängen der Familientherapie richtete sich die therapeutische Aufmerksamkeit darauf, wie die Ressourcen der gesamten Familie für die Unterstützung des „Index-Patienten“ genutzt werden könnten. Darauf aufbauend hat die systemische Psychotherapie die Orientierung der Wahrnehmung, Fragen und Interventionen auf die Ressourcen des jeweiligen Klientensystems zu einem zentralen Organisationsprinzip ihres Herangehens gemacht – unabhängig vom jeweiligen Setting (statt vieler Literaturverweise s. z.B. Simon et al., 1999, S. 275f). Grawe & Grawe-Gerber (1999) haben – anders als der verhaltenstherapeutische Mainstream - mit überzeugenden Argumenten dargelegt, warum Ressourcen-Orientierung und Ressourcen-Aktivierung mindestens gleichgewichtig neben der Problembearbeitung stehen sollten und deren Basis erst herstellen. Für deren therapeutische Umsetzung weisen sie darauf hin, dass diese nicht etwa nur additiv zu den sonstigen therapeutischen Interventionen zu verstehen ist :
„Ressourcenaktivierung setzt eine ressourcenorientierte Wahrnehmungs- und Denkweise auf seiten des Therapeuten voraus. ... Es geht in erster Linie um die Herausbildung einer bestimmten Haltung und erst in zweiter Linie um Techniken.“ (Grawe & Grawe-Gerber, 1999, S. 72)

Diese Haltung wird nun aber nicht nur auf die Lebenssituation des Klienten und seines Systems gerichtet, sondern sie nutzt in besonderem Maße gerade die Möglichkeiten, die in der therapeutischen Beziehung liegen.
„Die Therapiebeziehung muss – da sprechen die empirischen Ergebnisse eine klare Sprache – in allererster Linie unter dem Ressourcenaspekt betrachtet und gestaltet werden und erst in zweiter Linie unter dem Problemaspekt.“ (aa0, S.66)

Und auch Bergin & Garfield betonen im Schluss-Kapitel („Overview, trends and future issues“) ihres Handbuchs die Bedeutung dieser Perspektive für die Verbesserung der Therapie-Resultate (Bergin & Garfield, 1994, S. 826).

3.3.2. Das eigene Ressourcen-Projekt
Um sich über das Ausmaß klar zu werden, in dem er diese Ressourcen-Perspektive auch tatsächlich realisiert, startete der Autor ein Projekt mit folgenden Schritten: zunächst besorgte er sich den aktuellen KlientInnen-Stundenbogen der Ambulanz des Psychologischen Instituts der Universität Bern . (Im Unterschied zu dem bei Grawe & Braun (1994) abgedruckten Fragebogen enthält dieser u.a. jeweils drei Fragen zu zwei Dimensionen der Ressourcen-Aktivierung: nämlich zu „positiven Kontrollerfahrungen“ und zu „positiven Selbstwerterfahrungen“ in der Sitzung.) Dann gab er einen Fragebogen mit ausschließlich diesen sechs Fragen am Ende der Sitzung konsekutiv allen KlientInnen, die zum Zeitpunkt T 1 bei ihm in Einzeltherapie waren. (Um eine Vergleichbarkeit mit den Berner Ergebnissen zu erreichen, wurden psychologische Einzelberatungen und Paartherapien nicht einbezogen.) Nach Vergleich der so erhaltenen Werte mit den Werten der Berner Ambulanz arbeitete er dann die entsprechenden Kapitel von Grawe (1999) auf Hinweise durch, wie er die eigene Ressourcen-Orientierung erhöhen könnte und kam dabei auf ein begrenztes Set von Umsetzungsvorgaben.

Abbildung 4
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Mit Hilfe einer Karte (s. Abbildung 4) wurden diese plastisch dargestellt und die eigene Aufmerksamkeit vor Sitzungen immer wieder neu in diese Richtung gelenkt. Zu einem Zeitpunkt T 2 wurden dann erneut die genannten Ressourcen-Bögen an KlientInnen in Einzeltherapie ausgegeben und zu einem Zeitpunkt T 3 (zwei Monate später) nochmals, um zu überprüfen, inwieweit die Habituierung an diese Orientierung zu einem Nachlassen der eigenen Wachheit und zu einem Abfall der Werte geführt haben könnten.

Die Ergebnisse zeigten, dass ein solches Vorgehen zu einer deutlichen Steigerung der von den KlientInnen wahrgenommenen Ressourcen-Orientierung geführt hat, die über den beobachteten Zeitraum stabil bleibt.

4. Und als Fazit: drei Appelle

Unsere Erfahrungen in den beschriebenen Prozessen möchte ich – plakativ – in drei Appellen zusammenfassen:
Der erste Appell geht an die KollegInnen in Therapie und Beratung: Seid nicht zu gewiss, dass Ihr wirksam seid, wenn Ihr Euch in einer Methode sicher und kompetent fühlt!
Der zweite geht an die Träger und LeiterInnen: Verordnet auf keinen Fall Rückmeldesysteme, sondern fragt die KollegInnen „Was braucht Ihr, damit Ihr mit professionellem und persönlichem Gewinn mit solchen Systemen arbeiten könnt?“!
Und der dritte geht wieder an die KollegInnen: Sucht dort nach Rückmeldungen von Euren KlientInnen, wo Ihr neugierig seid! Folgt nicht irgendwelchen Vorgaben (z.B. der Wissenschaft oder dieses Artikels), sondern Euren Interessen und Eurer Leidenschaft für den Beruf!

Literatur:
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Bergin, A.E. & Garfield, S.L. (1994). Overview, trends and future issues. In A.E.Bergin & S.L.Garfield (Hrsg.), Handbook of psychotherapy and behavior change (S.821 -830). New York: Wiley.

Brown, J., Dreis, S. & Nace, D.K. (1999). What really makes a difference in psychotherapy outcome? In Hubble, M.A., Duncan, B.L. & Miller, S.D. (Hrsg.). The Heart and Soul of Change. What Works in Therapy (S.389 – 406). Washington, D.C.: American Psychological Association.

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Grawe, K. & Braun, U. (1994). Qualitätskontrolle in der Psychotherapiepraxis. Zeitschrift für Klinische Psychologie, 23, S.242 – 267.

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Hiatt,D. & Hargrave, G.E. (1995). The characteristics of highly effective therapists in managed behavioral providers networks. Behavioral Healthcare Tomorrow, 4, S. 19 – 22. Zitiert nach Brown, J., Dreis, S. & Nace, D.K. (1999). S.397f.

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