Sexualpädagogik in Baden-Württemberg

Sexualpädagogische Angebote von pro familia in Baden-Württemberg

In der Medienberichterstattung wird seit einigen Monaten Kritik an sexualpädagogischen Angeboten in Schulen geäußert. Dabei werden aus dem Kontext gerissene und oft falsch widergegebene Zitate und Versatzstücke aus Methodensammlungen verwendet, die Ängste und Vorbehalte bei Eltern und Lehrerinnen und Lehrern wecken. Als Verband mit dem umfangreichsten sexualpädagogischen Angebot - wir erreichen in Baden-Württemberg jährlich ca. 36.000 Personen durch diese Angebote, überwiegend in Schulklassen und Jugendgruppen – steht pro familia dabei besonders im Fokus.

Auf welcher Grundlage arbeitet pro familia?

pro familia Beratungsstellen arbeiten nach anerkannten fachlichen Standards. Grundlage der sexualpädagogischen Arbeit sind die sexuellen und reproduktiven Rechte gemäß IPPF (International planned parenthood federation)-Charta und die Beschlüsse der Internationalen UN- Konferenz für Bevölkerung und Entwicklung in Kairo 1976. Im sexualpädagogischen Bereich arbeiten erfahrene Pädagoginnen und Pädagogen mit vielfältigen Zusatzausbildungen und regelmäßiger Supervision ihrer Tätigkeit.

Wie arbeitet pro familia?

In der sexualpädagogischen Gruppenarbeit gehen wir altersentsprechend, entwicklungsentsprechend und gendersensibel vor. Kinder und Jugendliche sollen altersentsprechend und behutsam auf Entwicklungen vorbereitet werden, um dann selbstbewusst und selbstbestimmt damit umgehen und sich im Zweifelsfall schützen zu können.
Mädchen und Jungen haben teilweise sehr unterschiedliche Fragen und Anliegen und befinden sich oft in sehr unterschiedlichen Entwicklungsphasen, auch wenn sie gleichaltrig sind. Daher werden Gruppenangebote entweder ganz oder teilweise nach Geschlechtern getrennt jeweils mit einer männlichen oder weiblichen pädagogischen Fachkraft durchgeführt, um den unterschiedlichen Interessen ( z. B. bei den Themen Menstruation, Frauenarztbesuch, Homosexualität, Pornographie) entgegenzukommen und einen geschützten Rahmen zu bieten.
Lehrkräfte oder Betreuerinnen und Betreuer nehmen in der Regel nicht an der Veranstaltung teil, sind aber durch Vor- und Nachgespräche mit einbezogen; Eltern werden über das Angebot eines Elternabends einbezogen.
Die Gruppenangebote nehmen immer die Interessen der jeweiligen Kinder und Jugendlichen auf. Die Jugendlichen werden bei der Themen-Definition einbezogen: vorab (meist eine Woche vor der Veranstaltung) erfolgt eine anonyme Sammlung der sie interessierenden Themen und Fragen (z.B. in Form von Interessenbögen, Zettelsammlungen oder einer sogenannten "blackbox"). Die Sexualpädagoginnen und Sexualpädagogen arbeiten daraufhin das inhaltlich, didaktisch und methodisch passende Konzept für die Gruppe aus, orientieren sich also genau an den Fragen und Interessen der Jugendlichen. Dabei werden nicht nur Alter, Geschlecht und Entwicklung sondern auch sozialer und kultureller Hintergrund, sexuelle Orientierung sowie die individuellen Fähigkeiten berücksichtigt.
Im Nachgespräch mit den Lehrkräften und Betreuungspersonen werden Empfehlungen zum weiteren Umgang mit den besprochenen Themen gegeben.

Ziele der sexualpädagogischen Arbeit

Sexualpädagogik soll unvoreingenommene und wissenschaftlich korrekte Informationen über Möglichkeiten, aber auch Risiken und Grenzen von Sexualität geben und Kinder und Jugendliche dabei unterstützen, Kompetenzen im Umgang mit sich und anderen sowie eine respektvolle und tolerante Haltung zu entwickeln.
Dabei ist das Ziel von Sexualpädagogik nicht nur, ungewollte Schwangerschaften, Geschlechtskrankheiten oder sexuelle Übergriffe zu vermeiden, sondern ein positives Bild von Sexualität zu vermitteln und sich am Informations-und Wissensbedarf von Jugendlichen und ihrer jeweiligen Lebensrealität zu orientieren.
Was Jugendliche aktuell beschäftigt und interessiert, unterscheidet sich oft sehr von dem, was Eltern und Lehrer zu diesem Zeitpunkt für wichtig halten. Als Beispiel seien insbesondere die modernen Medien genannt, die Kinder und Jugendliche mit einem meist verzerrten und unrealistischen Bild von Sexualität konfrontieren, zumeist ohne dass Eltern davon wissen. Dazu gehören auch die sozialen Netzwerke, die zur Lebensrealität von Jugendlichen gehören, aber vielfältige Potentiale des Mobbings und der Verletzung von Intimität enthalten.
Veranstaltungen und Methoden werden bei pro familia spezifisch und altersgerecht auf die Zielgruppe orientiert entwickelt und umgesetzt, die Stärkung der jungen Menschen steht im Mittelpunkt.

Klare Positionierung gegen sexuelle Gewalt und Missbrauch

pro familia hat landesweit 19 Beratungsstellen und langjährige professionelle Erfahrung im Umgang mit sexualisierter Gewalt, sei es in der Arbeit mit Opfern sexualisierter Gewalt, sei es in der Arbeit mit Sexualstraftätern im Sinne des Opferschutzgesetzes oder der Prävention von Gewalt durch Sexualpädagogik. Teilweise gibt es spezialisierte pro familia Beratungsstellen und Notrufe für Mädchen und Jungen, die von sexualisierter Gewalt betroffen sind. Projekte der pro familia tragen erfolgreich zur Gewaltprävention und zum Schutz von Kindern und Jugendlichen bei.
„Pädosexualität ist Machtmissbrauch und Gewalt an Kindern. Sie führt zu gravierenden Verletzungen und unendlichem Leid bei den Opfern. Mit Entschiedenheit lehnen wir eine Verharmlosung oder Relativierung der Folgen von Pädosexualität ab, welche die Betroffenen erleiden müssen“, so die Vorsitzende des Bundesverbands Professorin Dr. Daphne Hahn.

Stuttgart, den 4.11.2014